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#weihnachten#schenkdeinegeschichte

Opi lacht

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Opi lacht | story.one

Stille Nacht, heilige Nacht.

Alles schläft und - zumindest in meiner Version- Opi lacht.

Natürlich ist mir mittlerweile durchaus bewusst, dass die Zeile mit “oh wie lacht” endet, aber manches setzt sich nun mal fest. Selbst in der ganzen Unordnung der durcheinandergeratenen Dinge muss man eine gewisse Ordnung bewahren.

So hat mein Opi an Weihnachten jeweils noch ganz andere Sachen gemacht, als nur gelacht. Er ist meinem Omi jedes Jahr mit einem Haufen Geschenke bepackt hinterhergelaufen, zum Beispiel. Und dabei hat er die Augen verdreht, weil seine Frau bei den Weihnachtseinkäufen masslos übertrieben hat, mal wieder. Und wo er die ganzen Pakete hinstellen sollte, wusste auch niemand, denn unter dem Baum war bereits kein Platz mehr frei. Zu diesem Zeitpunkt sah er der beinahe unvermeidbaren Tatsache ins Auge, dass er für den Rest des Abends nun doch noch zum offiziellen Gepäckträger degradiert wurde und wahrscheinlich hätte er zum Wohle aller Beteiligten auf das gemütliche Essen verzichten und sich stattdessen vollbepackt in die Ecke stellen müssen, hätten sich nicht im letzten Moment seine Grosskinder als echte Helden erwiesen und ihm angeboten, die Geschenke zu öffnen.

Auch dieses Jahr wird ein Opi seine Augen verdrehen. Allerdings nicht wegen der Geschenke, sondern wegen des Porzellans. Denn seine Frau wird, wie jedes Jahr, befürchten, dass wir zu wenig Geschirr haben und noch welches von zu Hause mitbringen. Das wiederum wird ihren Sohn, der den Tisch bereits vollständig gedeckt hat, zur Verzweiflung bringen und eine intensive Debatte auslösen. Im Flur wird sich dann eindrucksvoll beobachten lassen, wie der Schnee seinen Aggregatzustand von fest zu flüssig ändert und sich unter jedem Schuh eine Pfütze bildet. Die Farbe der Köpfe wird indessen von einem erfrischten winter-rot in ein ungesund aussehendes hitzig-rot übergehen, denn im Angesicht der komplexen Tellerfrage kommt niemand auf die Idee, seine Jacke auszuziehen. Doch gerade rechtzeitig, kurz bevor die Konfliktentwicklung zu einem weihnachtlichen Flur-Disaster auswächst, wird es im Wohnzimmer scheppern. Denn selbst an Weihnachten ist irgendwann die Geduld der Kinder am Ende und es wird zurecht danach verlangt, dass man sich wieder den wirklich wichtigen Dingen zuwendet.

Und wenn dann also eine neue Generation von Grossvätern an Weihnachten die Augen verdreht hat, gewährleistet ist, dass für jedes Familienmitglied ein Teller auf dem Tisch steht und die nicht ganz ernstzunehmende Familienkriese überwunden ist, werden sich die Grosskinder an ihre Instrumente setzen und “Stille Nacht” spielen. Und wissen Sie was? Ich denke, Opi lacht.

© Quinn Animi 2021-12-07

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