Rund um Europa per Rad - Kroatien

Da ich die Besteigung der Dinara heute erledigen will, verzichte ich auf das Frühstück, schwinge mich aufs Rad und starte zu meinem nächsten Quartier in der Nähe der höchsten Erhebung Kroatiens, der Dinara..

Gestern lagen jede Menge Bäckereien auf meinem Weg, heute, mit leerem Magen, sehe ich auf 40 km keine einzige. In dem winzigen Dorf Kijevo erwartet mich Ljubica in ihrem süßen Häuschen und bringt meinen knurrenden Magen mit Holundersaft, Birnen und Keksen zum Schweigen. "Für die Dinara brauchst du vier Stunden bis zum Gipfel, und vier zurück, dazu mindestens vier Liter Wasser!" erklärt sie mir. Die zusätzlichen Wasserflaschen, die sie mir fürsorglich mitgeben will, lehne ich aber ab. Sonst brauche ich bei dem, was ich zu schleppen habe, womöglich wirklich zweimal vier Stunden. Ihr Sohn Mate führt mich mit dem Auto 10 Kilometer nach Glavaš, dem Ausgangspunkt. Es ist halb elf, also schon recht spät für die Besteigung.

Nach der Autofahrt habe ich das Gefühl, dass der gefährlichste Teil der Unternehmung bereits hinter mir liegt. "Shit, police!" ruft Mate kurz vor dem Parkplatz, legt eine Vollbremsung hin und schnallt sich nach der Höllenfahrt schnell an.

Vorbei an der mittelalterlichen Burg Glavaš, die zur Verteidigung gegen die Osmanen errichtet wurde, geht es auf einem bestens markierten deutlich sichtbaren Weg stetig nach oben. Der Gipfel scheint zum Greifen nahe. Doch der Balkan ist nicht Tirol, und Höhenmeter sind auch nicht alles. Hier zählen Kilometer! In einer wunderschönen hochalpinen Karstlandschaft wandere ich mutterseelenallein schier endlos auf und ab. Der Weg ist nun kaum erkennbar, aber Markierungen immer vorhanden. Nach drei Stunden erreiche ich den Gipfel - Nr. 21 meiner höchsten Erhebungen der europäischen Länder.

Dunkle Wolken ziehen auf, und ich mache mich ohne Pause sofort an den Abstieg. So flott wie möglich, um nicht in ein Gewitter zu kommen, so langsam wie nötig, um mir nicht im Nirgendwo den Fuß zu verstauchen. Nach insgesamt fünfeinhalb Stunden bin ich wieder am Ausgangspunkt, wo mich Ljubicas Mann Cvitko abholt. Zuhause serviert er mir Bier, trüb, kühl, von seiner Tochter gebraut. Herrlich! Zwei Nachbarn gesellen sich zu uns. Der eine spricht Russisch, die andere Deutsch (Niveau A1), Cvitko spricht Italienisch, Ljubica ein wenig Englisch. Wir führen eine angeregte vielsprachige Unterhaltung. Mir schwirrt der Kopf - etwas benebelt vom Bier und bemüht, zwischen Russisch-Brocken mein Italienisch auf Niveau A1 hinauf- und mein Deutsch gleichzeitig auf A1 hinunterzuschrauben.

Eine linguistische Frage: was ist eigentlich der Unterschied zwischen č und ć? č ist tsch, das weiß ich, aber ć?

"č spricht man tsch aus und ć tsch", erklärt mir Ljubica.

"Ist das nicht dasselbe?"

"Nein, einmal tsch und das andere Mal tsch - kroatische Aussprache ist schwierig!"

Aber die zwischenmenschliche Kommunikation ist glücklicherweise nicht nur eine Frage der Aussprache!

© Radnomadin