Was hat uns bloß so ruiniert...

Es ist 8:00 morgens. Ich habe wohl etwa 2 Stunden geschlafen, mein 11,5 Stunden Nachtdienst neigt sich langsam dem Ende zu. Während ich vor dem Notquartier für wohnungslose Menschen stehe und noch halb verschlafen meinen Kaffee trinke und eine Zigarette rauche, verlassen nach und nach die Nächtiger das Haus. Die Sonne ist gerade aufgegangen.

Gedanklich bin ich schon halb im 6 Stunden Meeting am Nachmittag, dass noch einiges für die FH liegen geblieben ist. Ich merke, dass auch dieser Nachtdienst wieder meinen Schlafrhythmus durcheinander bringen wird und dass mich das wertvolle "Arbeits"stunden kosten wird.

Weiter rauchend überlege ich auch was noch zu erledigen ist bis zum Dienstende. Die Nächtiger gehen aus dem Haus und sehen nach oben und lächeln den blauen Himmel an, welchen ich bis jetzt noch gar nicht wahrgenommen habe. Sie stellen fest, dass es heute nicht kalt ist und freuen sich, denn für einige wird es ein Tag draußen werden, bis sie um 18:00 wieder ins Quartier zurückkehren können. Sie deuten auf den Kuchen in ihrer Hand und meinen "gut, gut!". Die Verständigung ist nicht immer einfach, da viele nicht so viel deutsch sprechen, als dass man eine Konversation führen kann. "Danke, schönen Tag Ihnen." sagt einer. "Haben Sie ein wenig schlafen können?" ein anderer.

Ich bleibe kurz nachdenklich draußen stehen.

Während meine einzigen Gedanken am Morgen sind, wie ich meine durchgetakteten Tage überlebe und wann ich endlich wieder ausreichend Schlaf bekomme, sehen sie ganz andere Dinge als ich. Menschen, die sich einer Situation befinden, wo ihnen der blaue Himmel aber sowas vom am Arsch vorbeigehen kann und noch mehr, wie mein Tag wird oder meine Nacht war. Sie schlafen teilweise in 8-11 Bettzimmern, am Abend stellen sie sich zur Essensausgabe an, sie teilen sich WCs und Bäder mit anderen, Privatsphäre? Fehlanzeige! Um 7:00 kommt der/die erste Mitarbeiter*in um um ans Aufwachen zu erinnern, um 9:00 müssen alle draußen sein. Einige sind schon um 4:00 wach und machen sich auf den Weg in die Arbeit, die vermutlich undokumentiert und unterbezahlt ist.

Und ich? Jetzt gerade sitze ich in meiner 40qm Wohnung in einem guten Bezirk der Großstadt, meine Heizung läuft, ich trinke meinen Kaffee in Ruhe und allein, mein Kühlschrank ist voll, in meinem Bad ist niemand außer mir. Die Arbeit im Notquartier mache ich nicht weil ich muss, sondern weil ich mir halt ein bissl was mehr leisten will. Wenn ich nachmittags Kaffee trinken gehen will, dann tu ich das. Wenn ich meine Ruhe haben will, kann ich das jederzeit haben. Ich kann studieren und ich kann mir jeglichen Alltagsluxus und darüber hinaus leisten.

Und in all diesem Luxus(leben) und Stress, weil immer noch was geht, vergesse ich tatsächlich mir den blauen Himmel anzuschauen und ihm zumindest ein kurzes Lächeln zu schenken.

#washatunsbloßsoruiniert

© räubertocher