Amors Pfeil

13. Juni 1985. Dieser Tag wird mir immer in Erinnerung bleiben.

Ich war Jungschauspieler und für die Nestroy-Spiele auf Burg Liechtenstein engagiert. Es war 10 Uhr, kurz vor Probenbeginn in einem Saal der Bäckerinnung im 8. Bezirk. Die Regisseurin Elfriede Ott sagte, dass heute die Kostümbildnerin kommen würde, sich aber etwas verspäten werde, da sie gerade heirate.

Ich war gerade als "Heinrich Schüchterl" aktiv, als die Tür aufgemacht wurde und eine Frau mit einem 6jährigen Buben eintrat. Es war die Kostümbildnerin. Sie hatte ein weinrotes Kleid an und sah hinreißend aus. Ich wußte nicht, was ich mit meinen Händen machen sollte, also nahm ich meinen Zylinder ab und drehte ihn in den Händen. Wir schauten einander an und Amor schoß seinen Pfeil ab.

Zuerst versuchten wir noch, vernünftig zu sein. Sie hatte ja gerade geheiratet und war obendrein um 11 Jahre älter als ich. Doch unsere Disziplin-Versuche blieben erfolglos. Nach einem Probentag in Maria Enzersdorf nahm sie mich in ihrem Auto mit nach Wien...

Nach 6 Wochen verließ sie ihren Mann, was in ihrer Familie und ihrem Bekanntenkreis ein mittleres Erdbeben auslöste: "Wie kannst Du nur Deinen Mann verlassen, um mit einem jüngeren Mann zusammenzuziehen, der noch dazu so einen unsicheren Job hat"! "Nimm ihn Dir doch als Liebhaber und schau, wie sich das Ganze entwickelt"! Ja,ja, diese gutgemeinten Ratschläge.

Ihr Sohn Pierre schloß mich gleich ins Herz und sagte nach dem ersten gemeinsamen Ausflug: "Warum ist der Ralph nicht mein Papa"?

Wie ging es weiter? Wir heirateten und im Jahr darauf kam unser gemeinsames Kind Oliver auf die Welt.

Heute, nach fast 34 gemeinsamen Jahren sind wir immer noch so verliebt, wie am ersten Tag.

© Ralph Saml