Der letzte Bissen

Das Leben ist schön. Ich habe eine Frau, zwei erwachsene Söhne, 7 Katzen, einen Beruf, der mich ausfüllt, keine finanziellen Sorgen, was will ich mehr?

Ein neuer Tag beginnt immer mit einem ausgiebigen Frühstück. Es gibt Tee und Kaffee, ein weiches Ei, Vollkornbrot, Wurst- und Käsespezialitäten, sowie Marmelade oder Honig.

Seit einiger Zeit kommt es jedoch vor, dass beim letzten Bissen das trockene Brot übrigbleibt. Wenn ich dann so kaue und das Gefühl habe, mein Mund wird immer voller, werde ich in meine Kindheit zurückversetzt.

Ich wuchs mit meinen Eltern und meinen 4 jüngeren Geschwistern in einer Gemeindewohnung auf. Mein Vater war Arbeiter, meine Mutter Hausfrau. Geld gabs nicht viel, deshalb bekamen wir nur am Sonntag Fleisch.

Als kreatives Kind habe ich mir jedoch etwas einfallen lassen, um meinen Genuss zu steigern: Zuerst wurde die Beilage gegessen. Dann habe ich eine kurze Pause gemacht, in der ich voller Vorfreude das Stück Fleisch betrachtet habe und es dann Bissen für Bissen genossen. Den gleichen Trick habe ich angewendet, wenn wir zum Abendessen ein Wurstbrot bekamen: Bei jeden Bissen habe ich mit den Fingern die Wurst nach vorne geschoben und nur vom trockenen Brot abgebissen. Das habe ich wiederholt, bis nurmehr die Wurst übrig war. Die habe ich mir dann auf einmal in den Mund geschoben. War das köstlich!

Jetzt ist für mich jeder Tag ein Sonntag, und trotzdem: Wenn ich an meine Kindheit erinnert werde...

© Ralph Saml