Drama auf der Strudlhofstiege

So lautet der Titel einer Kurzgeschichte, die ich als Teil eines Buches "Texte im Wiener Dialekt" veröffentlichen werde.

Wie ich auf die Idee gekommen bin? Nachdem ich vor zwei Jahren das erste Mal vor diesem berühmten Wiener Baujuwel stand und die zwei Stiegenaufgänge links und rechts sah, kam mir der Gedanke, was wäre, wenn ich mich nicht entscheiden könnte, auf welcher Seite ich raufgehen soll? Wenn ich durch diese zwei Möglichkeiten in eine Art Pattstarre verfallen würde? Ich wäre auf ewig auf diesem Platz gefangen.

Dann kam leider auch eine Kindheitserinnerung hoch, die mich etwas verstimmte:

Bis zu meinem dritten Lebensjahr bin ich bei meiner Großmutter aufgewachsen. Erst nach der Geburt meines Bruders kam ich zu meinen Eltern. Ab diesem Zeitpunkt fühlte ich mich zerrissen. Wenn ich bei meiner Mutter war, bekam ich Sehnsucht nach meiner Omi. Mein Vater brachte mich dann zu meiner Großmutter. Doch kaum ging mein Vater weg, begann ich zu weinen, weil ich Sehnsucht nach meinen Eltern verspürte. Also wurde ich von meinem Onkel wieder zu meinen Eltern zurückgebracht. Doch kaum war ich wieder im elterlichen Zuhause, stiegen mir wieder die Tränen hoch. Erst die Watschenandrohung meiner Mutter befreite mich aus der Endlosschleife.

Ich brauchte viele Jahre, um mich aus dem Dilemma der Entscheidungsschwäche zu befreien. Wobei ich erwähnen möchte, dass diese Schwäche sich ausschließlich auf zwei Möglichkeiten beschränkte. Bei einem Restaurantbesuch war ich immer der erste, der aus den vielen Speisen eine ausgesucht hatte.

Übrigens: Es fiel mir nicht schwer, bei der Strudlhofstiege eine Seite auszusuchen.

© Ralph Saml