Halt den Mund

Ich hatte mir nie wirklich Gedanken gemacht, welche Kraft im gesprochenen Wort steckt.

Erst ein Erlebnis mit meinem Sohn hat mich zum Nachdenken gebracht.

Er war noch sehr klein, ich hatte ihn im Badezimmer auf die Wickelunterlage gelegt,

weil er schon seit geraumer Zeit in der ganzen Wohnung einen strengen Geruch

verbreitet hatte.

Er war sehr gut aufgelegt und wollte partout nicht gewickelt werden.

Ich war an diesem Tag etwas gestresst, deshalb ging mir sein Geplapper auf die Nerven.

Nachdem der x-te Versuch, ihm eine neue Pampers-Windel anzulegen,

gescheitert war, schnauzte ich ihn an: HALT DEN MUND!

Für mich war die Sache nach dem kurzen Ausflipper erledigt,

ich konnte ihm ohne Probleme die saubere Windel anlegen.

Doch als ich ihn ansah, merkte ich, dass er sich mit beiden Händen den Mund zuhielt.

Zuerst verstand ich nicht, was das bedeuten soll.

Aber dann dämmerte es mir: Er hatte meine Aufforderung "Halt den Mund" wörtlich genommen.

Sofort überkam mich ein schlechtes Gewissen. Ich hob ihn hoch und busselte ihn ab.

Seither achte ich immer auf meine Wortwahl.

© Ralph Saml