Mit Badehose und Mercedes

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An einem Sommernachmittag spielte ich mit meinem weinroten Mercedes- Spielzeugauto in der Sandkiste.

Bald begann ich mich zu langweilen. Kein anderes Kind war da. Was jetzt? Heimgehen? Bei so einem Traumwetter in einer Gemeindebauwohnung herumsitzen? Auf keinen Fall.

"Ich könnte die Omi besuchen". Blöde Idee. Ich bin noch nie alleine mit der Straßenbahn gefahren, außerdem hab keinen Fahrschein.

Hmmh, was jetzt?

Zum Glück nahmen mir meine Beine die Entscheidung ab. Da ich den Weg nicht genau kannte, orientierte ich mich an den Stadtbahnbögen, was jedoch einen ziemlichen Umweg bedeutete.

Meine Großmutter staunte nicht schlecht, als ihr 9-jähriger Enkel, bekleidet nur mit einer Badehose, vor ihr stand. Als ich ihr auch noch erzählte, dass ich den ganzen Weg vom 20. in den 5. Bezirk zu Fuß zurückgelegt hatte, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen. Sofort wurde ich umsorgt wie ein Spitzensportler. Ich mußte Unmengen von Sprudel trinken, einen Guglhupf essen, nein, zwei, und meine Handgelenke unters kalte Wasser halten, bis sie taub vor Kälte waren.

Bevor ich mich auf den Heimweg machte, gab Omi mir Geld für einen Fahrschein.

Nach diesem Ausflug ließ mich meine Mutter nur unter strengsten Auflagen hinaus. Außerdem mußte ich immer einen Fahrschein bei mir haben.

© Ralph Saml