Wiener Mut?

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Wiener Mut? | story.one

In meiner Jugend hatte ich einen besten Freund, den Michi. Michi und ich hatten jüngere Geschwister. Die mussten wir oft mitnehmen, wenn wir "auf die Gasse gingen" . Das war lästig, besonders wenn man so anfällig für Blödsinn machen war wie wir.

Eines Tages gingen Michi, seine zwei Brüder, ich und mein Bruder Fredi ziellos herum. Es war total fad. Das Taschengeld war ausgegeben, also kein Prater oder Kino.

Als wir über die alte Floridsdorfer Brücke gingen, fiel mein Blick auf die vielen Nieten, die in den Bögen eingefügt waren.

Ich weiss nicht mehr, wer damit angefangen hat: Jedenfalls begannen Michi und ich auf einen Bogen raufzugehen. Zuerst nur ein bißchen, einen Meter oder so, doch bald gewann der jugendliche Leichtsinn die Oberhand. Die Nieten gaben uns ja den nötigen Halt.

Bald gab es kein Zurück mehr. Am höchsten Punkt der Brücke machten wir eine kurze Rast. Die Fahrzeuge auf der Straße schauten aus wie Matchbox-Autos.

Der Abstieg gestaltete sich etwas schwieriger. Ich kann mich beim beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, wie wir es geschafft haben, heil runterzukommen. Wahrscheinlich waren alle Schutzengel Wiens im Einsatz.

Das Merkwürdige war jedoch, dass uns nicht bewusst war, was wir da gerade "angestellt" hatten. Wir gingen nach Hause und verloren über unsere Kletterei kein Wort. Auch unsere Geschwister hielten dicht.

Doch jetzt, nach so vielen Jahren, bekomme ich immer noch Zustände, wenn ich an diesen Tag zurückdenke.

© Ralph Saml 15.10.2019