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Mixtape

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Mixtape | story.one

Es gibt sicher Originelleres, als den 80ern hinterher zu trauern. Ja, da gab es die Neue Deutsche Welle, Dallas, gewagte Dauerwellen und die Musik von McGyver. Ja, auch ich fand den Kalten Krieg übersichtlicher als den diffusen Gedanken, Tag und Nacht von der NSA ausspioniert zu werden.

Wenn da nicht du gewesen wärst – du, ein Stück Kunststoff mit Sichtfenster, das leise klackert, wenn man es schüttelt, mit diesem unvergleichlich strengen Geruch nach neuem Plastik beim allerersten Öffnen. Du, liebes Mixtape.

Die Kassette, DER Superstar im Kinderzimmer, zwei Seiten, 90 Minuten, und wenn man es geschickt anstellte, passten knappe dreißig Lieder drauf. Ja, Lieder; keiner sagte damals Songs, man hatte Verabredungen statt Dates und Münzen in der Tasche für die Telefonzelle anstelle eines Handys.

Am Sonntag Abend „Die Großen 10“. Drei Finger - PLAY, RECORD, PAUSE - und hoffentlich schneller als die Stimme von Udo Huber - Seelenbalsam für eine ganze Woche.

Oder aber ganz individuell und dauerhaft. Jede Kassette ein Unikat. Das Ergebnis harter Arbeit, die strengen Regeln folgte. Niemals die gleiche Gruppe zweimal auf der gleichen Seite, das erste Lied super, aber nicht gleich das Beste auf der Kassette. Die Hülle selbst gebastelt – eine ganze Generation beherrschte die Kunst, Liedtitel in ameisengroßen Buchstaben auf die Rückseite zu schreiben. Ja, Duran Duran passt auf einen Quadratzentimeter.

Und innendrin Kim Wilde, Pet Shop Boys, Housemartins, jede Kassette ein musikalisches Bekenntnis. Cindy Lauper ja, Madonna nein, Prince ja, Michael Jackson nein, Rolling Stones ja, Beatles nein. Nach dreimaligem Hören wusste man, nach „Don’t you“ kommt „Time After Time“, dann „Shout“. Spulen war mühsam, daher lief immer die ganze Seite, ein Feuerwerk aus Musik. Ganz oder gar nicht, Gesamtkunstwerk statt Wunschkonzert. Und daneben lag immer ein Bleistift bereit, für den Notfall – Kenner wissen, warum.

Und diese Geräusche! Wenn sich der Deckel des Kassettenrecorders schmatzend schließt, wenn das Band vorspult, wenn der Zeigefinger die Pause-Taste loslässt. Oder der Recorder das Band mit schrillem Geräusch auffrisst. Mixtapes waren mehr als Tonträger – das waren Liebesbriefe aus Klang. Für die man drei Stunden lang in Büßerstellung vor der Stereoanlage kniete.

Dreißig Lieder, die nur einen Zweck hatten: zu sagen, „Ich finde dich toll.“ Warum stammeln, wenn andere gut singen.

Mixtape, ein Antidepressivum aus Plastik, der Soundtrack fürs eigene Leben. Noch immer in meiner Holzkiste.

© Randgekritzel 2020-10-17

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