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Das fliehende Pferd

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Das fliehende Pferd | story.one

Argentinien war der Lebensmittelpunkt der Familie Waloschek geworden. Jutta lernte ich kennen, als sie wieder nach Europa zurück kam und eine angeheiratete Verwandte wurde, durch meinen neuen Onkel Felix. Jutta lebte in Wien, Spanien und Buenos Aires, bis sie sich entschloss ganz in Wien zu bleiben. Sie war als Künstlerin tätig und hatte auch zahlreiche Ausstellungen in diversen Städten.

Als ihr Onkel Felix starb, hatte sie immer mehr Kontakt zu meiner Tante Anni. Da lernte ich sie auch genauer kennen. Meine Tante unterstützte sie und kaufte ihr einige Kunstwerke ab. Als Textilkünstlerin machte sie sich einen Namen. Ihre aus Stoff, Seide und Tüll genähten Kunstwerke faszinierten mich am meisten, obwohl sie auch ein graphisches Talent hatte. Ihre Einstrich-Zeichnungen waren legendär. Jutta machte auch Illustrationen und Batiken, aber ihre genähten Wandteppiche waren für mich die eindrucksvollsten Werke, die sie schuf.

Als meine Tante starb und ihr Erbe auf uns Nichten und Neffen aufgeteilt wurde, stürzte ich mich sofort auf diesen besonderen Wandteppich, den ich immer bewunderte, wenn ich meine Tante besuchte. Da diesen Wandteppich niemand haben wollte, blieb er tatsächlich für mich übrig.

Was faszinierte mich so an diesem von ihr geschaffenen Werk? In Stoff etwas hinzuzaubern und zusammennähen, das einen ungeheuer tiefen Ausdruck hat und einen Inhalt zeigt, von dem ich auch heute noch angetan bin. Ein schwarzes Pferd galoppiert mit all seinen Kräften davon. Der Rappe strahlt eine Kraft und einen beeindruckenden Willen aus. Im Hintergrund des Bildes sind auch Pferde und Vögel in zarten Farben gehalten, zu erkennen, die alle dasselbe wollen, nämlich Freiheit.

Ich wusste durch Juttas Lebensgeschichte, dass es ihr um das Thema Freiheit ging. Es war so wesentlich in ihrem Leben geworden, dass sie es auch in ihren Kunstwerken ausdrückte. Die Unfreiheit in Argentinien machte ihr zu schaffen, deshalb kehrte sie nach Europa zurück.

Ein ungeheure Freude hatte ich mit ihrem Wandteppich, den ich zu Hause sofort an die Wand hängte. Jedes Mal wenn ich vor meinem Laptop sitze, mache ich einen Blick nach oben und darf dieses für sich sprechende, vielsagende, intensive Bild bewundern. Es ist für mich wie eine Botschaft, die es ausstrahlt. Die Deutlichkeit und Gründlichkeit der Arbeit, die Sorgfalt mit der das entstanden ist, der effektvolle Ausdruck den die Künstlerin wirkungsvoll umsetzte, beeindruckt mich bis heute. Und das Thema ist aktueller denn je.

Der Rappe flieht mit ungeheurem Mut und Zuversicht, es steht ihm die Welt offen, denn er besitzt die Kraft. Kaum erkennbar ist Juttas kleiner zarter Kopf rechts unten, im Boden verhaftet, beinahe gefangen. Darüber hat sie ihre Signatur hinein genäht.

© ranunkel 05.04.2020

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