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Die Schlange

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Die Schlange | story.one

Vorhin hab ich eine kleine Blindschleiche im Innenhof gesehen, an der Schwelle zum Hauseingang. Ist doch ein bissi gefährlich, wenn vier Katzen unterwegs sind. Drum hab ich sie mit einer Schaufel in relative Sicherheit gebracht. Ich weiss, Blindschleichen sind keine Schlangen, aber sie sehen ihnen sehr ähnlich. Deshalb die Schaufel. Weil ich Schlangen, auch wenns keine richtigen sind, nicht angreifen mag. Und das ist noch untertrieben. Es sind zwar wunderschöne Tiere, in unserer Gegend zumeist harmlos, und doch hab ich enorme Widerstände dagegen. Eigentlich hab ich Angst vor ihnen. Da nützt kein theoretisches Wissen. Da nützt auch die schönste Zeichnung nichts und die Faszination ihrer Beweglichkeit. Mich packt eine irrationale, schreckliche Angst.

Ein befreundeter Biologe hatte daheim ein Terrarium, darinnen auch einige grosse Äskulapnattern. Er war ganz verliebt in die Tiere, ich hielt ihren Anblick nicht einmal durch das dicke Glas aus. Aber die fürchterlichste Schlangenstory erlebte ich vor Jahren in meinem früheren Zuhause:

Es war ja ein uraltes Häuschen mit dicken Mauern und tiefen Rissen. In den warmen Monaten blieb die Haustür meistens offen, damit die Katzen rein und rauslaufen konnten. Im Winkel neben der Haustür lehnte immer der Strohbesen, griffbereit, um den ständigen Dreck wegkehren zu können.

Einige Tage zuvor hatten mir die Nachbarn erzählt, dass ihnen einmal beim ebenerdigen Fenster eine Kreuzotter ins Schlafzimmer gekommen war. Ich brauch euch nicht erklären, was das in mir ausgelöst hat, natürlich Grausen. Es war also ein paar Tage nach dieser Erzählung. Ich ging aus der Stube ins Vorhaus und sah plötzlich eine kleine Bewegung, die hinter dem Strohbesen verschwand. Erst dachte ich an eine Maus, drum griff ich ahnungslos nach dem Besen, um sie zu vertreiben.

Da lag eine wirklich grosse Schlange. Eine richtig grosse, schneckenartig zusammengerollt. Und ich war allein im Haus. Panik pur.

Für das, was ich dann tat, schäme ich mich auch heute noch zutiefst. Ich gabelte sie mit dem Besenstiel auf und rannte damit in den Innenhof. Sie war mindestens einen Meter lang. Klar weiss ich, dass in solchen Ausnahmesituationen manches überdimensioniert wird, aber ich bleib dabei. Ein Meter mindestens. Und dann drosch ich auf sie ein, wie von Sinnen. Sie tat mir ja leid, aber ich konnte sie bei mir nicht ertragen.

"Verzeih mir!" heulte ich immer wieder, "verzeih mir!" Was für ein Bild, die Schlange und ich. Ich hab gewonnen, sie rührte sich nimmer. Dann lief ich zitternd zu einem Freund, er sollte mir sagen, ob es eine Kreuzotter war. Doch als wir zurückkamen, war die Schlange fort. Wow, die hat meine Hiebe ausgehalten, Respekt! Nach meiner Beschreibung war es eindeutig eine Ringelnatter, und nun wünschte ich ihr gute Genesung und schickte noch eine Entschuldigung hinterher.

Und ich schäm mich auch heute noch für diese Hiebe. Aber Schlangen sollten mich wirklich meiden...

© rebella-maria-biebel 11.05.2019

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