story.one digital und analog

  • 158
story.one   digital und analog | story.one

U-Bahnstation Volkstheater. Na schau, der Ticketautomat hat mir den Seniorenfahrschein gegen 1,50 Euros ohne Widerstände ausgespuckt. Vielleicht, weil ich ihn so freundlich angelächelt hab. Mein Lächeln hab ich mitgenommen von dort, wo ein ganzer Saal voller Lächeln war.

In der U-Bahn gibts Multikulti, extra für die ausgewanderte Waldviertlerin. Oder ist das immer so? Auch donnerstags gegen 23 Uhr? Wien boomt und ich lächle dazu, weil mir so sehr danach ist.

Wenn ich das kleine, fröhliche Büchlein anschau, mit den vielen persönlichen Widmungen und Signaturen drin. Jetzt kenn ich sie alle von Angesicht zu Angesicht. Bis vor ein paar Stunden kannte ich nur ihre Geschichten, hab mir meine Bilder zu ihren Personen ausgemalt. Und fast keines dieser Bilder entsprach dann der Wirklichkeit. Das war anfangs befremdlich für mich, weil ich mich offenbar so sehr geirrt hatte. Aber mit den Gesprächen wich das Befremdliche ganz rasch: die Wirklichkeit war in allen Fällen stimmiger als meine vagen Phantasien.

Josefstädterstrasse, da muss ich raus. Mit mir gemeinsam ein Schwarzer, eine Chinesin, ein hiesiger Fahrradtyp, der übermütig die Klingel drückt. Alle lachen, ich sowieso, weils vom Lächeln zum Lachen nur ein kurzer Weg ist.

"Du bist eine Lachmaus" hat einer gesagt, dort, der sich wesentlich ruhiger verhalten hat als ich es erwartet hätte.

"Ich hab gedacht, du bist in meinem Alter" sagte einer, der zwanzig Jahre jünger war als ich. Aber er klang nicht ent-täuscht darüber.

Und die Frau, deren Gedächtnis alles gespeichert hat? Beeindruckend. Und diese Offenheit und Wärme.

Angereist aus allen Himmelsrichtungen. Alle wollten aus dem Digitalen ins Analoge gehen, alle wollten sich zeigen als sie selbst. Das ist wunderbar gelungen.

Ich geh die Gaullachergasse hinauf, jetzt werd ich bei meiner Tochter anrufen, Mama im Anflug, Sektgläser aufstellen, heut ist ein Feiertag!

Warum hab ich mit meiner Tischnachbarin am wenigsten geredet? Es war halt so, und es war trotzdem stimmig. "Hey Mama, du bist abgeholt!" hab ich gelacht, als ihr Sohn kam, um sie wieder in den Norden zu entführen.

Dieses Ehepaar, von dem ich meistens nur die Rücken sah, aber selbst die strahlten eine innige Verbundenheit aus. Zwei junge, selbstbestimmte Frauen sandten freundliche Signale fast ohne Worte.

Wie schön das alles. Lange Gespräche mit wunderbar sympathischen Menschen. Manchmal nur Lächeln, aber das immer.

"Bitte" höre ich da eine Stimme, als ich grad die Nummer meiner Tochter wählen will. Ein sehr junger Mann hätte gern eine Zigarette, die kriegt er, und ein Lächeln. Aber er will noch was, ich schau ihn fragend an.

"Möchten Sie mit mir auf einen Kaffee gehen?"

Ich glaub ich spinn, sucht er seine Oma?

Freundlich sage ich "Nein danke, ich bin gleich da." Und er geht etwas enttäuscht davon.

Was war das nur für ein analoger Tag! Story.one tut allen gut und verjüngt offenbar. Meine Tochter wartet mit dem Sekt...

Danke euch allen! Ich freu mich, dass es uns gibt!

© rebella-maria-biebel