Ernsti und Karajan

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Ernsti und Karajan | story.one

Ernsti war ein Dampfplauderer, nicht unklug, aber anstrengend. Noch dazu redete er in hohen, kächzenden Tönen in wirklich unangenehmer Lautstärke. Optisch hatte er einiges von einem Raubvogel an sich. Nicht nur das markante Profil sondern auch seine Bewegungen, ständig auf Trab mit angriffig vorgebeugtem Oberkörper, während die Arme seitlich wie Flügel wirkten.

Er war ein Freund meiner Freundin seit Kindheitstagen, seine Eltern waren ziemlich wohlhabend und recht kulturbeflissen. Darum lud er mich gleich einmal in die Burg ein, Logenplätze gemeinsam mit irgendwelchen Promis, die er vom Burg-Abo kannte.

"Das ist meine Maria", stellte er mich vor und mir war das etwas unangenehm. Zwischen uns herrschte nämlich ein wesentliches Ungleichgewicht: er hatte sich auf Anhieb in mich verknallt, während ich ihn sehr schätzte als klugen, liebenswürdigen Kerl, aber das wars dann auch schon.

Immer wieder lockte er mich mit Karten zu besonderen Aufführungen. Ich war knapp nach der Matura und ein rechtes Greenhorn in Sachen Kultur. Er führte mich in ungewöhnliche Konzerte und ebensolche Theaterstücke. Er konnte mir immer einiges über den Autor oder Komponisten erzählen, und danach dann mit ihm im Hawelka zu diskutieren machte auch Spass, weil sein lautes Organ dort schon dazugehörte.

Und dann lud er mich doch glatt zu den Salzburger Festspielen ein. Seine Familie hatte für die Festspielzeit dort zwei Zimmer in einem familiären Hotel gebucht. Da gab es also ein Zimmer für ihn und eines für mich, na dann. Ich packte mein kleines Schwarzes ein und wir fuhren in seinem Sportwagen los.

Damals gabs noch keine Gurtenpflicht, und als die Tür in einer Kurve aufflog, da lag ich plötzlich ziemlich derangiert mitten am Mirabellplatz. Wo bekomm ich sonntags auf die Schnelle neue Strümpfe her? Ernsti wusste Rat: Das Zimmermädchen im Hotel reinigte mein kleines Schwarzes und half mir mit Strümpfen aus, und los gings zum Domplatz. Der Jedermann war Walther Reyer, die Buhlschaft war Nadja Tiller, und Ernsti wusste allerlei interessante Anekdoten über Hugo von Hofmannsthal. Trotz der aufgeschundenen Knie in den geborgten Strümpfen wars ein netter Abend.

Für den nächsten Tag hatte er mir eine grosse Überraschung angekündigt. Er parkte vorm Kleinen Festspielhaus und besprach sich mit jemand. Dann deutete er mir mitzukommen und leise zu sein.

"Muksmäuschenstill, unbedingt!"

So gingen wir hinter dem Typ zu den oberen Logen. Als die Tür ein kleines Knarzen von sich gab, dröhnte von unten ein donnerndes "Ruhe!"

Es war Karajan, der da unten mit dem Orchester probte. Wir kauerten uns auf den Boden, der Maestro war bekannt für seine Wutausbrüche, und Schwarzseher waren absolut verboten.

Er hat einigemale getobt wegen Kleinigkeiten. Aber auch Musik gezaubert. Da hab ich vor Berührtheit sogar Ernstis Hand halten wollen. Er strahlte. Wir waren beide karajanverzaubert und glücklich.

Fast wollte ich mich in ihn verlieben dort am Boden. Aber nur fast...

© rebella-maria-biebel