Falsche Richtung

  • 87
Falsche Richtung | story.one

In meiner hiesigen Welt ist derzeit plakatfreie Zeit. Ohne anstehend Wahlen keine Plakate, und der Wahlkampf für die Europawahl ist hier offenbar noch nicht eröffnet.

Heute hatte ich in Zwettl zu tun, auch dort gabs noch keinen dichten Plakatdschungel. Eines, ziemlich klein, direkt neben der Strasse verpasste mir eine gefühlte Ohrfeige:

"Arbeit für unsere Leut'!"

Eh klar, aus welchem Eck die Botschaft kommt, warum trifft's mich dann so?

"Arbeit für unsere Leut'" signalisiert kämpferisch, dass "unsere Leut'" keinen Job bekommen, weil die Nicht-Unsrigen ihnen diesen wegnehmen. Ganz pauschal. Die kommen, kriegen ein Handy geschenkt und unsere Jobs noch dazu.

Das mit den Jobs stimmt schon, wenns um Arbeiten geht, die die Unsrigen nicht verrichten möchten.

Und wer sind die Nicht-Unsrigen? Das sind die, vor denen wir uns fürchten sollen. Weil die uns nicht nur die Jobs wegnehmen könnten, sondern auch unsere Frauen vergewaltigen wollen. Wird schon stimmen, liest man ja ständig im Boulevard. Und dass Nicht-Unsrige Mindestsicherung beziehen können, ist doch eine Frechheit. Drum, bei mangelnden Deutschkenntnissen und ohne Schulabschluss gleich dreihundert Euro weniger. Die sollen spüren, dass sie nicht willkommen sind. Die sollen nur ordentlich den Gürtel enger schnallen müssen. Mit hundertfünfzig Euro kann man locker auskommen, meint unsere "Sozial"ministerin.

Wenn dann die Diebstahlsrate steigt: eh klar, die kriegen nicht genug. Ganz pauschal. Ein paar "ordentliche" gibts vielleicht darunter, aber die meisten sind einfach zum Fürchten.

So. Tief durchatmen. Cui bono, wem hilfts, ist immer eine gute Frage.

"Arbeit für unsere Leut'" ist der Freibrief, die zu hassen (und zu fürchten), die am untersten Ende unserer sozialen Skala um ein bisschen Leben kämpfen. Und während sich die da unten im Überlebenskampf bekriegen, lachen sich die Oberen ins dicke Fäustchen. So einfach ist das.

Unvergleichlich viel mehr wäre dort oben zu holen, die Schere ist fulminant grösser geworden. Heute in Ö1 gehört: ein ehemaliger VW-Chef bezieht eine Pension von dreitausend Euro. Täglich! Aber ich rede nicht von Enteignung, sondern von etwas, das unserer Gesellschaft rasend schnell abhandenkommt. Ich meine die Solidarität. Und Fairness. Und Empathie. Und Gerechtigkeit.

"Arbeit, Frieden und Wohlstand für alle!" Das wäre mein Plakat.

Danke fürs "Zuhören", jetzt ist mir etwas leichter.

© rebella-maria-biebel