Verdächtig

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Zwölfaxing, 20. Juli 1993, high noon. Der Sherriff hat einen Bankräuber erschossen, die Pistole knallt und kracht, und Polizist und Räuber keuchen und ich bin mittendrin. Als Geisel des zweiten Räubers, der mich mit einer Hand vor sich her schiebt, zum Auto, mit dem er dann doch entkommen kann. Mit der zweiten Hand drückt er mir den Lauf seiner Pistole in den Rücken. Sein Kopf ganz nah an dem Meinen, ich spür seinen Atem an meinem Ohr, höre sein flüsterndes "Bitte, bitte...", das für mich in diesem Moment wirklich etwas Wertschätzendes hat. Er war kein Brutalo. Er war ein verzweifelter Looser, dessen Traum vom grossen Geld sich gerade in Rauch aufgelöst hatte.

Wochenlang lief ich noch im Schocktrauma herum, zittrig mit dem Kopf, schlotternd mit Händen und Knien, wie Parkinson in voller Blüte. Unkontrollierbare Schweissausbrüche, ebenso unvorhersehbare Tränenfluten. Ich war ein Häufchen Elend, und es dauerte doch einige Zeit, bis ich "meinen" Therapeuten fand, "meinen" wunderbaren, einfühlsamen Heinrich, der mich behutsam zu den Wurzeln meiner Ängste führte.

Bereits einige Tage nach dem Überfall wurde ich von zwei Polizistinnen zur ersten Gegenüberstellung abgeholt. Wenn mein Geiselnehmer da dabei gewesen wäre, wäre ich in meiner damaligen Verfassung wohl vor lauter Angstgeklapper auseinandergefallen. Es waren fünf völlig Unbekannte. Das wiederholte sich in den folgenden Tagen und Wochen noch einigemale. "Er" war nie dabei.

Einmal ging ich mit einer Freundin durch den Park. Ein Mann kam uns entgegen und ich sprang mit einem Satz hinter eine Bank, ausser mir vor Panik. Nur weil dieser Mann einer der möglichen Geiselnehmer einer Gegenüberstellung war. Panik war damals ein mir sehr naheliegender Zustand.

Mit der ganzen Familie nach Papas Tod bei der Safeöffnung in einer Bank auf der Wienzeile. Ein Mann mit Sonnenbrille und beiden Händen in den Taschen kommt herein. Ich bin am Sprung unter einen Schreibtisch, da zieht er eine Hand aus der Tasche, ohne Pistole, nur mit Bankomatkarte. Bis zur Safeöffnung hab ich keine Kraft mehr in den Beinen.

Die Gegenüberstellungen blieben alle ergebnislos. Ich hätte nie gedacht, dass es so einfach wäre, Figuren einzuschätzen. Jemand, der den Kopf in einem gewissen Winkel an mein Ohr hält, muss eine bestimmte Grösse haben. Auch wie er mich geschoben hat, gab mir einige Hinweise.

Und dann war da sein "Bitte", und bei aller Schrecklichkeit seines Tuns auch ein gewisser Respekt mir gegenüber. Da wusste ich: ich kannte ihn. Er kannte mich. Als er mir, Monate später, in einer anderen Filiale als Kunde gegenüberstand, erkannte ich ihn zweifelsfrei. Nicht nur an seinem Zittern und den schwitzigen Händen. Seine Statur war die genau passende. Kaum zu glauben, aber es war wie ein Puzzle, das plötzlich gelöst war.

Ich hab ihm wohl signalisiert, dass er keine Angst zu haben braucht. Ich wollte ihn nicht verraten. Der 20. Juli wird auch ihm unvergesslich bleiben, ich wünsch ihm Frieden...

© rebella-maria-biebel