Heidis Wandlungen

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Heidis Wandlungen | story.one

Ich habe Heidis Mutter noch kennengelernt. Sie lebte in einer beeindruckenden Villa an der Donau. Eine imposante Frau, bestimmend, über sich selbst und über andere. Natürlich auch über ihre Tochter.

Heidi lernte ich in einer Frauengruppe kennen. Sie war verheiratet mit einem ziemlich bekannten Maler, der seine egoistischen Gemeinheiten ihr gegenüber als künstlerische Freiheit bezeichnete. Ihr Sohn war damals in der Pubertät und von diesem väterlichen Scheusal total verunsichert.

Ja, verunsichert war auch sie, das trifft es wohl am besten. So eine aparte Frau, so voller Herzenswärme und Akzeptanz, wie konnte sie an sich selbst so sehr zweifeln? Ich hab mich sofort in sie verliebt, sie in mein Herz geschlossen, und sie hat es mit scheuem Lächeln geschehen lassen.

Ihr Mann war um sehr vieles älter als sie. Er war ihr Professor bei einem Malseminar gewesen, in Kärnten in den 70ern. Heidi war an die 30, Robert über 60. Er wollte sie und er bekam sie. Er wollte sie für Bett und Herd, die Staffelei fand er als ungeeigneten Arbeitsplatz für die Frau eines bekannten Malers. Und sie fügte sich, verdrängte ihre Freude an eigener Kreativität und war fortan nur noch das bildhübsche Beiwerk ihres Meisters.

Als Robert eher überraschend starb, dachte ich dass sie nun endlich aufblühen würde. Sie hatte den Drachen zwar nicht besiegt, aber immerhin überlebt. Aber sie blieb zögerlich. Da war ja noch ein Drachen in ihrem Leben, ihre Mutter, die sie permanent herumkommandierte und alles miesmachte, was für Heidi Sinn machte. Ich hielt es in dem grossen Haus kaum aus, wenn ihre Mama dawar, da lag soviel Herzenskälte darin. Und Heidi war immer schrecklich klein.

Heidi war jetzt eine vermögende Frau, nachdem sie fast alle Bilder ihres Mannes verkauft hatte, sie wollte sie nicht mehr um sich. Dann begann sie mit ihren Reisen nach USA. Dort gab es ein Medium, von dem sie völlig in den Bann gezogen war. Sie erzählte mir dann von ihren früheren Leben und Zusammenhängen und Erkenntnissen.

Sie verbrachte ihr ganzes Vermögen nach Oregon. Verrückt, dachte ich. Aber ich sah auch, dass ihr Gang aufrechter wurde. Dass sie, sogar ihrer Mutter, Nein sagen konnte. Dass sie freier wurde.

Und als wir einmal mitsammen in Umbrien Urlaub machten, einen wunderschönen, unbeschwerten Urlaub, begann sie mich zu malen. In Wien trommelte sie dann einige Künstlerfrauen zusammen und unter der Leitung einer sehr kämpferischen Professorin lag ich dann regelmässig Modell. Was haben wir gelacht und diskutiert! Heidi war nun frei geworden. Als ihre Mutter starb, konnte sie sie in Frieden ziehen lassen. Sie verkaufte das Haus, kaufte ihrem Sohn eine Wohnung und mit dem restlichen Geld zog sie für einige Monate nach USA.

Als sie zurückkam war sie nicht mehr reich im materiellen Sinn, aber sie war in sich gefestigt. Für sie hatte es sich ausgezahlt. Jetzt widmete sie sich dem Malen, voller Hingabe, in sich ruhend.

Und als sie dann selbst gehen musste, ging sie als aufrechter Mensch.

© rebella-maria-biebel