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Mann und/oder Frau

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Mann und/oder Frau | story.one

In den 50er, 60er-Jahren gab es in meinem Umfeld keine gleichgeschlechtlichen Beziehungen. Sowas gab es einfach nicht. Und falls soetwas eventuell doch einmal daherkam, dann wurde es rasch unter den grossen Teppich gekehrt, unter dem sich schon allerlei Unaussprechliches angesammelt hatte.

Bis Semario zu Besuch kam. Er war ein Verwandter einer befreundeten portugiesischen Familie, und natürlich luden ihn meine Eltern ein, die Woche seines Wienbesuches bei uns zu wohnen. Bereits am ersten Tag zeigte er meinem grossen Bruder einen Zettel mit einem Lokalnamen im 1. Bezirk. Helmut riet ihm dringend ab, dorthin zu gehen, und als ich - damals pubertierender Störenfried - wissen wollte, was Semario in dem Lokal passieren könnte, wurde ich nur mit einem "dazu bist du noch zu klein" abgefertigt. Dabei war ich ein bissi in den hübschen Südländer verknallt, aber davon kriegte Semario natürlich nichts mit. Er kam dann mit einer neuen Adresse, gleich ums Eck bei uns. Wie peinlich. Noch peinlicher wars, als er händchenhaltend mit einem hübschen Österreicher durch unser Gässchen zog. Als er dann wieder abreiste, waren die Erwachsenen um mich erleichtert. Ich selbst fand es lieb, dass Semario und Erich so liebevoll mitsammen umgingen. Hätte selbst gern eine derart innige Freundin gehabt.

Heute finde ich es etwas erstaunlich, dass ich mit dem Thema bis in die 80er-Jahre nie mehr konfrontiert war. Damals lernte ich in meiner Frauengruppe das erste gleichgeschlechtliche Paar kennen, und mir kam es vor, als ob die beiden etwas ganz Besonderes wären. Denn natürlich könnten zwei Frauen schwierige Themen wohl besser mitsammen besprechen, als wenn sich die männliche Sichtweise dazumischt, dachte ich. Es kam mir sehr stimmig vor. Ja, aber nur innerhalb unserer geschlossenen Gruppe. Ausserhalb mussten sie ihre Verbindung geheimhalten. Bei ihren Eltern war diese Beziehung skandalös, und ich dachte mir manchmal, was für meine Eltern schlimmer gewesen wäre: aus der Kirche auszutreten oder eine Frau zu begehren?

Damit wurde ich in den 90ern konfrontiert. Da offenbarte mir eine liebe Freundin, dass sie sich in mich verliebt hatte. Für mich war das irgendwie schrecklich, weil mir diese Freundin als Vertraute so wichtig war. Als platonische Freundin, denn etwas anderes empfand ich nicht. Schade, unsere Freundschaft ist durch ihr outing wirklich in die Brüche gegangen. Ich war damals einfach heillos überfordert.

Erst nach der Jahrtausendwende, wuchs mein zaghaftes Interesse an anderen Frauen. Es gab nichts zu Schämen, wenn wir einander innig umarmten und streichelten, es war einfach nur schön. Innerhalb gewisser Grenzen. Denn ich war und blieb eine heterosexuelle Frau. Nur diese verschämte Abwehr von weiblicher Zärtlichkeit und Lebenslust, die habe ich dann endlich abgelegt.

Wie schön, die Art von Nähe leben zu können, die einem guttut. So wie ich mich auch freue, wenn mein Lieb einen lieben Freund umärmelt. Weite tut gut!

© rebella-maria-biebel 19.01.2020

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