Linke Wienzeile 1955

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Linke Wienzeile 1955 | story.one

Mit meinen acht Jahren war ich ein spindeldürres Mädchen mit zwei dicken Zöpfen und etlichen Zahnlücken. Da oben im 5. Stock residierte ich am Erkerfenster mit einem Ausblick von der Pilgramgasse bis zum Steffl, und ich stand oft dort. War ich doch ein ziemlich einsames, verträumtes Kind. Meine Eltern liessen keine fremden Kinder in unsere Wohnung, und ich durfte auch nicht in fremde Wohnungen gehen. Also stand ich am Fenster im Speisezimmer und träumte mich in die vorbeifahrenden Stadtbahnen.

Die hatten damals noch Schiebetüren, oft hing einer halb draussen und wurde von den anderen gehalten. Quasi direkte Kommunikation. Wenn die Stadtbahn aus dem Tunnel kam, vibrierte der Boden und die Gläser in der Vitrine begannen zu klirren. Der Wienfluss schlängelte sich meist recht unspektakulär dahin. Ein friedlicher Ausblick von da oben.

In die Volksschule hatte ich's nicht weit, Kopernikusgasse. Manchmal kam ich mit blauen Blusen zurück, wenn mir die Kinder wieder mal die Zöpfe ins Tintenfass getaucht hatten. Oder mit zerrissenen Strümpfen, weil mich der böse Erich am Heimweg beim Kohlenhändler am Eck zur Kaunitzgasse abgepasst und verhaut hatte. Im Winter gabs unter der Amerlingstiege eine Rodelbahn, wir konnten bis zur Wienzeile rodeln!

Gegenüber war das Gasthaus Geier, dort holte ich für Papa machmal ein Krügel offenes, dunkles Bier. Wenn ich im Lift hochfuhr, schleckte ich am Schaum, obwohl mir doch immer davor ekelte, ich konnte es nicht lassen.

Am liebsten stand ich Freitag abends an meinem Aussichtsplatz. Da kamen die Bauern mit den Pferdefuhrwerken für den Bauernmarkt am Samstag vormittag. Das war ein Gewieher und Gejohle, dazwischen die Schlurfs mit den lauten Mopeds und ein paar "unanständige" Mädchen.

Die Wienzeile war damals noch unterbrochen, sie endete direkt bei unserem Haus. Dann kam das sogenannte Wegerl, ein breiterer Gehsteig, auf dem die Bauern ihre Waren auf Pritschenwägen aufs Platzl ziehen konnten. Vorbei am Ratzenstadel. Nie und nimmer durften wir dort hinein, das war streng verboten. Keine Ahnung, was so Schreckliches dort gewohnt haben sollte, ausser eben vielleicht Ratten, mir ist nie was Böses begegnet.

Das Platzl war unser Spielplatz. Da war diese grosse Standuhr, die nach 4 Himmelsrichtungen 4 unterschiedliche Zeiten angab. Darunter eine grosse Tafel: "Ballspielen und Radfahren verboten". Aber genau das taten wir dort. Grossmutter sass auf einem Wagerl und passte auf. Und ich sah immer wieder gern beim Absperrgitter zur Stadtbahn runter, wenn sie aus dem Tunnel auftauchte und winkte den Fensterrausguckern.

Gut möglich, dass ich dort, auf diesem Platzl damals einem Buben von "der Rechten" begegnet bin, den ich erst vor ein paar Monaten persönlich kennengelernt habe. Goni nennt er sich hier. Vielleicht trafen wir uns auch im Milchgeschäft in der Dürergasse oder irgendwo zwischen hüben und drüben, ohne uns zu erkennen. Story.one hats jetzt möglich gemacht...

© rebella-maria-biebel