Mein Tempo

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Mein Tempo | story.one

Ich war schon immer so. Irgendwie aus der Zeit gefallen. Hab schon immer ein bisschen anders getickt als andere. Bereits im Kindergarten kann ich mich daran erinnern.

Zu Beginn der 50er Jahre war es noch möglich, dass ein fünfjähriges Mädchen allein von der Linken Wienzeile in die Pilgramgasse gegangen ist. Wenn Mama sich davon erhofft hatte, dass ihr dadurch mehr Zeit für ihre Hausarbeit blieb, dann traf das mit Sicherheit nicht zu.

"Schau, dass du bei der Stadtbahnstation bist, wenn der grosse Zeiger beim Neuner ist!"

So wollte sie mir einen Zeitrahmen geben, denn zur grossen Uhr am Gebäude der Arbeiterzeitung konnte ich schon von weitem sehen. Aber das hatte dann am Weg zum Kindergarten keinerlei Bedeutung mehr für mich. Nur eines: Mama hatte versprochen, dass sie mir beim Speiszimmerfenster nachschaut, das war also ausgemacht, und ich vergewisserte mich alle paar Schritte, dass sie tatsächlich noch am Fenster stand. Winke-winke, da ist sie ja.

Wie es Mama dabei gegangen sein muss, das kann ich mir heute gut vorstellen. Sie muss innerlich getobt haben. Sie wird wohl oft gemurmelt haben "Na geh endlich weiter, geh schon!" Sie war mit ihren Gedanken bereits bei den Arbeiten, die sie schon getan hätte, wenn sie mich an der Hand in den Kindergarten gebracht hätte, und dann flott wieder heimgegangen wäre. Arme Mama. Aber ausgemacht war ausgemacht, allerdings hat sie diese Vereinbarung bald zurückgenommen, dann gab es nur noch Stichproben, ob ich überhaupt weiterging. Nachdem es zu der Zeit kaum Verkehr auf der Wienzeile gab, konnte ich sie manchmal rufen hören "Maria, beeil dich!"

Sinnlos, mir so etwas anzuschaffen, schon damals. Es ging nicht schneller. Ich musste das Geländer zum Wienfluss erkunden. Ich musste ein bestimmtes Muster am Gehsteig entlanggehen. Ich musste den Möwen zusehen. Dann in mein Kindergartenkörbchen schauen, welche Jause mir Mama eingepackt hatte. Ich musste die Stufen zum Geländer raufsteigen und dann dem Wienfluss beim Fliessen zusehen. Es ging nicht anders. Wenn ich endlich in der Pilgramgasse angekommen war, dann gab es bis zum Kindergarten noch eine Menge Auslagen mit interessanten Dingen...., aber irgendwann begrüsste ich die Tante. Naja, die erste war ich nie...

Und heute? Wenn mein Lieb und ich uns zum Frühstück setzen, - ich liebe unser gemeinsames Frühstück! - , versuche ich möglichst gleichzeitig mit ihm am Tisch zu sitzen. Aber dann bin ich in einer anderen Zeit. Bis ich mein erstes Brot gestrichen hab, ist er schon fertig. Manchmal sag ich lachend "Schau, einen Biss haben wir gemeinsam gefrühstückt!" Es geht nicht schneller.

Ich bewundere ihn und andere, die so richtig flott unterwegs sein können. Kaum den Besen in der Hand ist auch schon sauber. Kann ich nicht. Da liegt vielleicht grad eine Katze und putzt sich, oder draussen prasselt endlich der lang ersehnte Regen. Da muss ich doch innehalten...

Mein Tempo ist sicher oft anstrengend für meine Umwelt, aber ich darf so sein, wie schön...

© rebella-maria-biebel 25.05.2020