Pflegestufe 3

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Pflegestufe 3 | story.one

Gestern und vorgestern hab ich mich wirklich so gefühlt. Es hat sich schon seit Wochen angebahnt, dass mein Gstell mangelhaft beisammen war. Aber am Freitag dann, in einer Kneipe mit lieben Freundinnen, da kann ich nach dem Aufstehen wirklich kaum noch gehen. Beinahe witzig kommts mir im Nachhinein vor, dass ich einer behinderten Freundin helfen wollte - und dann war die schneller bei der Tür draussen als ich.

Tja, so schnell kanns gehn. Das An- und Ausziehen wird zur Qual. Ein Rollator wär echt was Feines, hab ich aber nicht, drum taps ich im Haus mit den Walkingsticks herum. Kleine Schrittchen, mühsam, anstrengend. Hinsetzen und Aufstehen wird zum Hasardspiel: juchu, es geht! oder Autsch! unmöglich. Erholung im Bett? Mitnichten. Da beginnt alles zu Ziehen, lässt kein Schlafen zu. Und wenn ich nachts aufstehen will, ohne mein Lieb wecken zu müssen? Da mach ich Verrenkungen, um irgendwie aus dem Bett zu kommen, ohne meine wehen Schultern und Hüften beanspruchen zu müssen - sicher eine Gaudi zum Zuschauen, aber für mich eine einzige Qual.

Mein Lieb ist wunderbar. Er hat mich in diesen zwei Tagen in die Pflegestufe 1 gepflegt, ganz selbstverständlich. Er hat mir geholfen beim An- und Ausziehen, beim Aufstehen, beim Gehen. Er cremt meine wehen Stellen mehrmals täglich ein. Er fragt mich, wies mir geht, ob ich was brauche. Und das alles, ohne mir ein demütigendes Gefühl zu vermitteln. Ohne dass ich mich für irgendwas schämen müsste. Bin ich schon unsagbar dankbar dafür.

Morgen geh ich zur Ärztin und bald werd ich dann wissen, ob Rheuma oder Arthritis, oder was auch immer das war und ist, und dann wird es irgendwann wohl wieder mal ganz vorbei sein. Aber die Vorstellung, dass solche Schmerzen chronisch werden können, die ist schrecklich. Ich stell mir vor, diese geplagten Menschen, die dann permanent von fremder Hilfe abhängig sind.... Für mich möcht ich mir das nicht vorstellen, nein. Ich bin ja schon nach zwei Tagen ungeduldig. Wenigstens zusammenkehren, wenigstens ein bissi was tun. Ich seh den Dreck von zwei Hunden und vier Katzen und einem Werkstattmann, dem dieser Dreck kein Problem ist. Ob ich das aushalten würde? Na, wenn ich mich nur noch mit Rollator bewegen könnt, dann würde ich meine Ansprüche drastisch reduzieren müssen.

Und wie wär das mit der langfristigen Hilfe von meinem Lieb, frag ich mich jetzt? Und mag überhaupt nicht dran denken, weil ichs halt überhaupt nicht mag. Wär seine Hilfe für mich dann immer noch so frei von Scham? Was würde so eine Abhängigkeit für unsere Liebesbeziehung bedeuten?

Ich schau ihn an und liebe ihn. Und danke ihm. Pflegestufe 1 ist erträglich. Zwei Tage der Pflegestufe 3 haben wir gemeistert, danke!...Es möge für möglichst lange Zeit die letzte Erfahrung dieser Art bleiben!

© rebella-maria-biebel 08.03.2020