Sehnsucht nach einem besseren Leben

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Sehnsucht nach einem besseren Leben | story.one

Er war noch keine zwölf Jahre, da musste er schon Hilfsarbeiten am Bau verrichten. Abends dann dem Vater das Geld abliefern, sonst gab es Prügel. Das war noch in Syrien, da war seine Mutter noch bei ihm. Aber dann war eine Stiefmutter da, und Krieg im Land, und Hunger. Sie flohen in die Türkei. Der nun vierzehnjährige Mo fand immer einen Job, und wurde trotzdem oft von seinem Vater verprügelt.

Dann, im Sommer 2015, hatten sie genug gespart, um den Schlepper zu bezahlen. Auch bei ihrem Schlauchboot fiel der Motor aus. Mo war der einzige, der ins Meer sprang (aus Angst vor Prügeln?), er schleppte die verängstigten Bootsinsassen mit einem Tau zwischen den Zähnen zur griechischen Insel. Im Herbst 2015 landete die nunmehr sechsköpfige Familie in unserem Dorf. Eine Gruppe Freiwilliger hatte ein Häuschen für sie bewohnbar gemacht, wir freuten uns aufs Kennenlernen. Und es lief alles wunderbar. Die Kinder gingen in Schulen, die Kleinste in den Kindergarten, Mo fuhr täglich zum Deutschkurs in die nächste Kleinstadt. Und wie sie strahlten, wenn ich kam, eine wunderbare Herzlichkeit schwappte mir entgegen.

Mo verliebte sich in unseren Platz. Er liebte all unsere Tiere, wollte bei allem mithelfen. Er durfte, war auch sehr geschickt und kräftig. Wir schenkten ihm ein altes Fahrrad, damit erklomm er den relativ steilen Berg zu uns oft 3, 4mal in der Woche. Ich mochte die ganze Familie, aber Mo ist mir von Anfang an besonders ans Herz gewachsen.

2016 bekamen sie Asylstatus. Sie waren bestens integriert, wir feierten ausgelassen, als sie ihre Pässe bekamen. Zwei Tage später waren sie fort. Der Vater hat ihnen erzählt, dass sie nach Griechenland auf Urlaub führen. Mo traute ihm nicht. Er rief von Wien aus an, er wollte zurück, wir vertrösteten ihn. Urlaub sei doch was Schönes!

Aber der Vater orderte in Griechenland wieder einen Schlepper. Zurück in die Türkei. Nur weil er - Analphabet - Angst vorm Deutschlernen hatte, schickte er die ganze Familie in türkische Lager. Er zerriss alle Pässe, um Spuren zu verwischen, nur Mo konnte den Seinigen verstecken. Aber nun lebten sie in türkischen Elendsquartieren, Mo schrie immer wieder um Hilfe, die wir ihm dort nicht geben konnten... und arbeitete wieder am Bau - wie gehabt. Seine Sehnsucht nach hier war so gross, dass er die Hilfe eines Arbeitgebers annahm: Österreichisches Konsulat, er kam zurück. Nach Wien. Landete in einer WG für unbegleitete Minderjährige, er war ja erst 17. Unser Dorf gab's nicht mehr für ihn...

Und doch ein bisschen. Weil wir ihn seither regelmässig zu uns holen, übers Wochenende. Momentan schläft er nebenan, eine Grippe hat ihn heut erwischt.

Er ist dankbar und glücklich. Sein Leben geht jetzt in eine gute Richtung. Er ist 19, und im März ist er in eine kleine 15m² Wohnung gezogen.

Menschen wie Mo sind eine grosse Bereicherung, ganz fest haben wir ihn in unsere Herzen geschlossen. Er möge endlich Frieden finden...

© rebella-maria-biebel