Un-Glücks-Haus

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Un-Glücks-Haus | story.one

Kurz nach dem ersehnten Anschluss im März 1938 gingen meine Eltern auf Wohnungssuche. Sie sollten bald fündig werden. Damals wollten viele jüdische Bewohner auswandern - wobei, wollen eher doch nicht. Jedenfalls sind zwischen diesem März 1938 und dem Mai 1939 44000 der 63000 jüdisch besiedelten Wohnungen arisiert worden. Eine davon war unsere auf der Wienzeile. Eine Herrschaftswohnung, fein möbliert in einem noblen Bürgerhaus.

Als ich Mama einmal fragte, wie sie denn damals zu dieser Wohnung gekommen wären, ui, da wurde ihr Blick unruhig. Vielleicht wollte sie sich selbst beruhigen als sie sagte:

"Wir hätten ihnen mehr Geld gegeben, weil sie ja nach Amerika auswandern wollten. Aber das haben sie abgelehnt, sie wollten nur weg..."

Um einen Spottpreis haben sie diese schöne Wohnung bekommen, nur das Schlafzimmer mussten sie noch einrichten. Im Dezember 1938 heirateten sie dann, das Hochzeitsfest fand schon in ihrem schönen Speisezimmer statt. An die Vormieter wurde nie gedacht, die waren ja eh gut aufgehoben in Amerika. War doch besser so, hierorts so unerwünscht und drüben gabs dann doch Verwandte, sie sich freuten, sie zu sehen.

Meine Eltern begannen also in dieser verfluchten Wohnung ihre äusserst schwierige, schmerzvolle Ehezeit. Es stand kein guter Stern über ihnen. Und dann, im Jahr 1939 übersiedelte die Bezirksgestapo kurzfristig in den ersten Stock. Die Wohnung meiner Eltern lag im 5. Stock. Wenn der Lift funktionierte, ging's ja noch.

".... aber wenn der Aufzug wieder mal kaputt war, dann musste ich die Stiegen runtergehen. Und da sassen sie dann, viele Mütter mit kleinen Kindern, alle weinten. Und ich musste da durch. Die mussten dort ihre Wohnugsschlüssel abgeben oder Ansuchen stellen. Das Stiegenhaus war voller Tränen. Dieses Wehklagen, bis in den zweiten Stock sassen sie dicht gedrängt auf den Stiegen und weinten. Das war mir schon sehr unangenehm, wenn ich da drübersteigen musste..."

Um die geschätzten, arischen Mieter des Hauses nicht über Gebühr zu belästigen, wurde das Haustor auch tagsüber zugesperrt. Nur eine gewisse Anzahl an Bittstellern wurden eingelassen. Die anderen Wohnungssuchenden sassen dann wartend und weinend beim Geländer zum Wienfluss. Manche hatten ihr Hab und Gut bei sich, meistens bestand das eh nur aus einem Köfferchen.

Mitgefühl für diese verzweifelten Menschen gab es offenbar nicht bei meiner Mama. Zuviel hatten die Juden diesem Land schon angetan in ihren Augen, es war einfach besser, wenn sie auswanderten.

"Ich hab ihnen ja nie etwas Böses gewünscht, aber ich hab mich schon wohler gefühlt, wenn sie nimmer da waren..."

Beinahe 60 unglückliche Jahre waren meine Eltern in dieser Wohnung verheiratet. In dem Haus gab es zwischen 1938 und 1939 mehrere arisierte Wohnungen. Mich wundert es nicht, dass auf diesem geballten Leid kein herzliches Glück gedeihen konnte.

Die Erinnerung an Mamas Erzählung tut mir immer noch weh...

© rebella-maria-biebel