Unschuld

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Unschuld | story.one

Jedesmal, wenn ich Richtung Horn fahre, komm ich an dem Haus vorbei. Das letzte Haus in Altenburg, dreistöckig, wobei das oberste Geschoss eine Mansarde ist, die ich gut kenne. Darin haben meine Grosseltern viele Jahre lang die Sommermonate verbracht, ich war dort öfters zu Besuch. Eine Erinnerung drängt sich da immer in den Vordergrund:

Ich werde 8 oder 9 gewesen sein. Mama musste wieder mal ins Spital, immer wieder machten ihr die Gallensteine zu schaffen. Diesmal konnte sie offenbar nicht bis zu den Ferien warten, es wird Ende Mai oder Anfang Juni gewesen sein. Oma und Opa waren schon in Altenburg, und ich sollte dort eine Zeitlang zur Schule gehen.

Wie nennt man das? Einklassige Volksschule? Es war jedenfalls ein Lehrer für 4 Klassen, ich fand das ziemlich aufregend. Die Bänke waren in U-Form gestellt, auf der langen Seite sassen 2 Klassen und ich irgendwo mittendrin. Es funktionierte recht gut, ausser dass ich in den ersten Tagen natürlich schrecklich begafft wurde, aber das ging auch mal vorbei. Eigentlich waren diese Landkinder recht freundlich, vor allem der Seppi.

Einmal durfte ich ihn mitnehmen, Oma kredenzte ihm eine gute Jause, und er war begeistert von dem tollen Ausblick. So weit hatte er noch nie in seine Welt geblickt. Und allen erzählte er dann, dass er bei ganz "nobligen Leuten" einen Kakao bekommen hätte. Ich widersprach, gar so noblig fand ich meine Grosseltern nicht. Seppi blieb dabei, wer sich eine alljährliche Sommerfrische leisten konnte, der gehörte zu den Vornehmen. Na dann. Dafür liebte ich den Stallgeruch bei ihm daheim. Und die Katzen und Küken. Aber irgendwie waren wir dort immer im Weg, also marschierten wir in den nahen Wald.

Im Baumkraxeln war ich nicht wirklich gut, eigentlich gar nicht. Pilze kannte ich auch keine, Beeren waren noch nicht reif. So spielten wir halt Verstecken und Tannenzapfenwerfen und Fangen. Einmal, völlig ausser Atem, lagen wir nebeneinander am Waldboden und kicherten, alberten und kugelten herum.

"Ich zeig dir was Besonderes, wenn du mir auch was Besonderes zeigst", flüsterte Seppi. Ich lachte weiter und nickte. Er wollte mein Ehrenwort, und er kam mir auf einmal gar nimmer so lustig vor. Feierlich nahm er mir mein Ehrenwort ab. Und dann. Dann zupfte er an seine kurzen Hose herum und zeigte mir das, was ich von meinem grossen Bruder eh schon kannte. Das sagte ich ihm auch.

"Na und, ich kann nix dafür, dass du einen grossen Bruder hast. Ich hab jedenfalls keine Schwester, die mir ihres zeigen könnte, und du hast mir dein Ehrenwort gegeben. Also..."

So schob ich meinen Kittel hoch. Als ich das Höschen runterzog, hatte ich ein seltsames Gefühl. Da lag irgendwas Verbotenes in der Luft. Und wie der Seppi dann "Pfff..." sagte, spürte ich auch, dass es doch etwas Besonderes war, obwohl ich gar nichts verstand.

Dieser eine, kurze Blick unter mein Höschen war das Ende unserer Freundschaft, eine diffuse Scham hatte sich eingeschlichen. Schade. Ich hatte ihn irgendwie liebgewonnen...

© rebella-maria-biebel 01.12.2019