Waldviertler Vermieterinnen

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Waldviertler Vermieterinnen | story.one

Von der ersten weiss ich nicht einmal den Rufnamen. Kommt wohl daher, dass es mein erster Kontakt mit dem Waldviertel war. Und nachdem das hiesige Volk allgemein als spröde galt, hielt ich es für normal, dass wir all die acht Jahre per Sie blieben.

Mein erstes Waldviertelhäuschen. Ohne Strom und Wasser. Entzückend. Die vielen Hängematten zwischen den Obstbäumen. Im Kinderzimmer ein alter schwarz-weiss Fernseher mit Autobatterie. Und jede Menge Festeln. Bis sie plötzlich das Häuschen für sich zurück wollten, war ja nur gemietet. Oh war das ein Trennungsschmerz...

Dafür fanden wir dann einen Luxuspalast. Sehr geräumig (eigentlich zu gross für uns), mit Strom und sogar Dusche. Haus mit Anni. Denn die Vermieterin zeigte uns, entgegen der sonstigen Waldviertler Eigenart, dass sie uns mochte. Herzerfrischend ihr Lachen, ihre Freude, wenn wir ankamen. Wenn ich mehrere Tage im Haus blieb, kam sie mich jeden Abend besuchen. Das grosse Holztor knarzte, und auf meinem Gesicht machte sich ein Lächeln breit. Sie wohnte nebenan, brachte mir frische Milch und selbstgebackenes Brot und jede Menge Geschichten.

Ein Jahr hatten wir diesen Luxus gemietet. Ich ging Anni im Stall besuchen, da weinte sie, getraute es mir nicht zu sagen. Ihr Mann kam wie um Verzeihung heischend daher:

"Der Bua will jetzt doch drüben einziehen, leider..."

Wieder Abschiedstränen, die Familie hat natürlich Vorrechte. Wieder Suchen. Wildfremde Leute halfen uns. Sie hatten von einem Freund erfahren, dass wir was zu Mieten suchten, nahmen sich einen Nachmittag frei und chauffierten uns herum, fragten nach und fuhren weiter. Bis wir Kronberg fanden.

Sowas Uriges aber auch. Unsere Helfer machten die Eigentümer ausfindig und führten uns zu ihnen. Da sah ich Maria zum erstenmal. Sie sah mich freundlich an, aber da war doch spürbare Reserviertheit. Grossmutter, Marias Mutter, kam heraus und hob abwehrend die Hände:

"In das Haus kommt mir keiner mehr. Das habens völlig versaut. Nein. Basta. Nein."

So die Grossmutter, die offenbar das Sagen hatte. Unsere fremden Helferleins legten noch gute Worte für uns ein, obwohl sie uns doch gar nicht kannten. Es nützte nichts.

Aber es liess mir keine Ruhe, wollt es noch einmal versuchen. Und da war die Stimmung plötzlich eine andere, und wir bekamen das Häuschen, in dem ich zehn ganz besonders schöne Jahre verbracht habe.

Mit Maria. Dieser unendlich warmherzigen Frau, die an mir mindestens soviel Freude hatte wie ich an ihr. Auch die Grossmutter wuchs mir sehr ans Herz in diesen Jahren. Mein fast permanentes Barfussgehen hab ich mir von ihr abgeschaut.

So schön war es dort. Aber als mein Lieb in mein Leben kam mussten wir einsehen, dass es für uns beide viel zu klein war. Und wir wollten etwas Eigenes zum Herumwerkeln.

Abschied von Maria. Diesmal ohne Tränen, denn wir sind uns erhalten geblieben, über 23 Jahre. Gestern war ich wieder bei ihr zu Besuch. Da ist nix mit waldviertler Sprödheit. Bei Maria ist immer alles gut und warm, danke!

© rebella-maria-biebel