Zweckgemeinschaft

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Zweckgemeinschaft | story.one

Als ich noch in Wien wohnte, da war ich ein begeisterter Saunafan. Ich ging ins öffentliche Bad, meistens an denselben Wochentagen, und natürlich traf ich da öfters dieselben Frauen an. Man grüsste sich lächelnd, legte ein Buch auf die Liege für nach dem Aufguss. Man seufzte genüsslich gemeinsam in der Saunakammer, und man nickte einander freundlich beim Abschied zu. Es kam nie zu einem Gespräch, der Ruheraum war zum Ruhen da, und ich genoss diese Lese- oder Vormichhin-Träumestunden sehr. Es war eine Zeit der inneren und äusseren Reinigung und ich fühlte mich danach jedesmal gut erfrischt und erholt.

Drum brauchte ich nicht lange nachzudenken, als ich gefragt wurde, ob ich bei einer hiesigen Saunagruppe mitmachen wollte. Es brauchte eine bestimmte Anzahl von Teilnehmerinnen, damit der Saunabetreiber einheizte, und nun waren zwei ausgefallen und damit wurde es knapp. Na klar sagte ich zu!

Eigentlich hätte ich es mir ja denken können, dass Sauna am Land anders ablief als in der Stadt. Aber ich hatte eben nicht gedacht, und dann kam ich mir vor wie im falschen Film. Einzig eine liebe Freundin strahlte eine beruhigende Vertrautheit aus, aber rundherum ging's zu wie im Hühnerstall. Wenn sich mal eine Minute Ruhe ergab, kam Unruhe hoch. Sowohl in der Sauna als auch im Ruheraum nur Tratscherei. Hilfe!

Fast bewunderte ich meine Freundin, wie sie damit umging. Aber nachher sagte sie mir auch, dass auch für sie die Saunarunde Schwerarbeit sei. Nur, sie war es halt gewohnt, seit Jahren. Und ausserdem war dort ja jede mit jeder irgendwie verwandt, und seien es Cousinen 3. Grades. Jede kannte alle aus den anderen Familien und natürlich auch alle vom Dorf. Daraus resultierten grandiose Tratschereien über Sterbefälle, Krankheiten, über Gewohnheiten mancher Dorfbewohner. Ich wollte das überhaupt nicht hören. Natürlich auch "das" Thema - die Ausländer kriegen alles, während unsereins nix mehr zählt.

Als die Tochter einer Teilnehmerin sich das Leben nahm, aus welchen Gründen auch immer, da wurde ich doch auch einmal laut. Erst wurde betreten herumgeredet, wie arm, wie traurig und so. Und dann sagte eine tatsächlich, dass sie aber schon auch wütend sei, wie die das ihrer Mutter und Familie antun konnte. Sowas tut man einfach nicht! Phu, da ist mir dann schon der Kragen geplatzt.

Dann ging's natürlich um Weihnachtsbäckerei und Putzen, und dass frau dann halt um 5 aufstehen sollte, damit was weitergeht...

Als ich heimkam war ich fix und fertig, meine ganze Energie war in den Saunaräumen abgezapft worden. Jetzt hab ich doch zugesagt, aber wie soll ich das bis März aushalten? Jede Woche? Ich pass dort so überhaupt nicht rein!

Mein Lieb hat mich dann wieder aufgerichtet:

"Ich bin so richtig froh, dass du bist, wie du bist. Du bist genau richtig."

Genau das hat meine niedergetrampelte Seele gebraucht.

Die Saunarunde seh ich jetzt nur noch als Zweckgemeinschaft. Den Tratsch mach ich eh nicht mit. Und die Saunafreude lass ich mir nicht vermiesen. Basta.

© rebella-maria-biebel