A patschertes Leb'n

Daran gab es nichts zu Rütteln: er war der Älteste der vier Geschwister, die nach dem Krieg noch geblieben waren, er musste die Werkstatt übernehmen. Mein Pepi-Onkel lernte das Schneiderhandwerk von seinem Vater, meinem Grossvater.

Obwohl er ein enorm heller Kopf war, voller Wissensdrang, war es seine Aufgabe, den jüngeren Bruder finanziell beim Studium zu unterstützen. Wahrscheinlich hat er ihm auch beim Lernen geholfen. Er organisierte die Hochzeit seiner einzigen Schwester, natürlich auch mit selbstverdientem Geld. All seinen Geschwistern sah er beim Heiraten zu, für sich selbst fand sich keine Frau. Denn, auch nachdem seine jüngeren Geschwister alle versorgt waren, musste er seine Eltern unterstützen. Weit musste er seine Anzüge zur Anprobe tragen, vom fünften Bezirk oftmals bis Hietzing. Zu Fuss, für einen Strassenbahnfahrschein reichte es nur selten. Als Herrenschneider hatte er einen kleinen, elitären Kundenstock, die Einnahmen waren gering.

Seine Wohnsituation war für eine zukünftige Ehefrau auch nicht gerade einladend. Die Werkstatt und der Kundenraum waren geräumiger als der dahinter liegende einzige Wohnraum der sechsköpfigen Familie. Düster wars darin, Fenster auf den Gang. Eine kleine Küche ohne Fliesswasser, die auch als Bad diente, wenn die kleine Blechwanne aufgestellt wurde.

Wie oft und wie gern bin ich als Kind in der Werkstatt am Fensterbrett gesessen, hab dem Pepi-Onkel beim Nähen zugeschaut. Der Duft nach Bratäpfeln am Ofen und der Geruch von gebügeltem Stoff hat dorthin gehört, wie das Geräusch der fleissigen Nähnadeln. Und die Pepi-Onkel-Geschichten vom Krieg, von seiner Gefangenschaft, von extravaganten Kunden, von seiner Kindheit. Immer wieder glitt seine Hand zärtlich über mein Gesicht, er liebte Kinder so sehr. Von all meinen männlichen Verwandten war er der kinderliebste, und durfte selbst doch keine haben.

Dabei gab es dann doch eine Frau in der Werkstatt, die Wilma. Sie muss einmal eine grosse Schönheit gewesen sein.

"Oh, ist das jetzt deine Frau?" fragte ich unverblümt. Wilma wurde rot und sagte ein deutliches "Nein!" Und Pepi-Onkel seufzte dazu.

Josefsehe nennt man das, wurde ich aufgeklärt. Weil Wilma tiefreligiös, aber geschieden war, durfte ihr kein Mann mehr nahe kommen. Sie war seine unerreichbare Lebensgefährtin. Kein Wunder, dass er manchmal heftigste Wutausbrüche hatte. Irgendwo musste es ja raus. Dieses patscherte Leben.

Kein Studium. Keine Frau. Keine eigenen Kinder.

Aber seine nicht-eigenen Kinder liebten ihn zutiefst. Wenigstens das.

© rebella