Beautiful painted arrow

Die Frauengruppe lief irgendwie aus dem Ruder. Mir kam vor, als ob sich alles nur noch um zwei Männer drehte. Der eine war der Mönch in der gerade entstehenden Friedenspagode. Der andere Joseph, ein Schamane aus Kanada mit dem Ehrennamen Beautiful painted arrow.

Ich wohnte am nächsten zu Pagode, drum schien es selbstverständlich, dass hauptsächlich ich den Mönch umsorgte. Ich mochte ihn sehr und half ihm oft.

Joseph kannte ich nur vom Hörensagen, und da schien er einfach das non plus ultra zu sein. Naja. Gurus waren mir nie geheuer. Aber ich war dabei, wenn wir am Kahlenberg eine Kiwa für ihn bauten. Schwerarbeit. Und dringend. Denn er sollte bald nach Wien kommen und dann diese Kiwa einweihen.

In mir wuchs ein Widerwille gegen diesen Unbekannten. Oder eigentlich gegen diese Frauen, die sich so grenzenlos an die Männer verausgabten. Bitte, was war das für eine Frauengruppe geworden? Wenn Lisa eine Trancereise begann - und ich liebte diese wunderbaren Reisen -, und wenn sie dann sagte:

"Wir stehen am Fuss des Kahlenbergs..., der Wald ist dunkel und weit..."

... da wars für mich vorbei mit dem Eintauchen in andere Welten, weil da oben auf dem Kahlenberg ja diese Kiwa darauf wartete, dass wir kamen und schufteten. Für Joseph.

Langsam zog ich mich aus der Gruppe zurück. Meine Bedenken über die neue Richtung unserer Frauengruppe wurden abgewehrt. Ich sollte doch endlich mal zu einer Behandlung zu Joseph gehen, dann würde ich schon erleben, wie grossartig er war.

So liess ich mir also einen Termin geben. Der Warteraum war voller Frauen, die ehrfürchtig schwiegen oder aufgeregt zappelten. Wenn eine rauskam, nickte sie nur, selig lächelnd. Ich war ruhig. Lisa rief mich hinein.

Da stand nun dieser Joseph, ein attraktiver Mann, das wunderte mich jetzt nicht. Aber als er mir die Hand gab, sah ich Tränen in seinen Augen. Er umarmte mich und sagte sehr leise:

"How wonderful to see You again."

"Again?" Keine Ahnung, was er meinte.

Er behandelte mich, das fühlte sich wirklich gut an, mit seiner grossen Adlerfeder. Als ich mich aufrichtete, fühlte ich mich leicht und frei. Und dann begann er richtig zu schluchzen, hielt mich fest und sagte immer wieder:

"Thanks so much for everything..."

Ich ging zu den Frauen, war ziemlich verwirrt. Nach einer Weile kam Lisa und sagte, dass Joseph niemand mehr behandeln könne, er sei so sehr aufgewühlt von der Begegnung mit mir. Zu mir sagte sie:

"Er ist so glücklich. Du warst seine grösste Liebe, einmal... Ich soll dir etwas ausrichten:

"Tell her, the sound in her ears is a very old Indian one. She should honor it."

So ein nonsens, dachte ich.

Bis mir dann im Stiegenhaus mein Tinnitus bewusst wurde, von dem ich noch nie jemand erzählt hatte. Da weinte ich dann auch. Ich kann mich an keine frühere Liebe zu Joseph erinnern, ich habe ihn auch nie wiedergesehen, hab mich gescheut.

Sagte der Gruppe ade. Aber meinen Tinnitus ehre ich seither, das hilft mir, ihn nicht nur lästig zu empfinden.

Danke, beautiful painted arrow, danke.

© rebella