Der Obdachlose und der Zwerg

Ich bin noch ganz benommen. Das war wieder einmal eine besondere Sendung der Spielräume. Wienerisch, aber schon wie. Nicht so, wie es mir meine Grossmutter gern vorgesungen hat "Mei Muaterl woa a Weanerin, drum hab i Wean so gern..." Da gehts nicht um das Lichtermeer und die Freud und die Weinseligkeit.

Wien, beinhart. Ein Song über einen Obdachlosen und seine Tschick (Zigarette). Mit allen möglichen Kosenamen : "Du Tschusch, geh gusch. Du Tachinierer. Du Mistkübelstierer..."

Und weils gar so kalt ist dort auf der Deponie, auf der von den Ratten angenagten Matratze, drum brauchts was zum Wärmen. Rum. Und eine Tschick. Das ist wie Beten zum Einschlafen...

In welche Welt bin ich da grad gefallen? In eine mir völlig unbekannte, äusserst grausame.

Mir fällt ein, wie ich einmal, - meine Kinder waren noch sehr klein - beim Autobusbahnhof Wien-Mitte auf den Bus gewartet hab. Da schleifte ein Polizist einen sogenannten Sandler durch die Halle. Der Mann war zuvor mit anderen auf einer Bank gesessen und hatte sein Bier getrunken, sonst nichts. Anhand der Plastiktaschen waren sie als Obdachlose zu erkennen. Sie machten keinen Radau, keine Ungehörigkeiten, und doch wurde dieser Mann vor unseren Augen von der Bank hochgezerrt und zum Ausgang geschliffen.

Meine Töchter klammerten sich an mich:

"Mama, was machen die Polizisten mit dem Mann? Der hat doch gar nichts getan!"

Da hatte ich meinen Kindern doch immer eingetrichtert, dass sie sich an Polizisten wenden sollten, wenn sie Hilfe brauchten. Solche Polizisten flössten ihnen Angst ein, zurecht. Also ging ich hin und fragte nach.

Antwort:" Das geht Sie nix an. Wir kennen den schon."

Und damit traten sie den armen Kerl ins Polizeiauto. Und weil er ein lahmes Bein hatte, mussten sie dieses noch extra hineintreten. Meine Töchter kreischten, ich versuchte ruhig zu bleiben, lächelte dem Mann zu und verlangte die Dienstnummern der beiden Polizisten. Die sie mir lachend verweigerten. Aber es gab das Autokennzeichen, damit gabs eine Anzeige. Leider wurde das Verfahren nur intern geführt, ich erfuhr keinen Ausgang. Wie gern hätte ich meinen Kindern gesagt, dass diese Schikanierer ihre Strafe bekommen hätten...

So geht man mit keinem Menschen um, so geringschätzend.

Das denk ich mir auch, als nach dem Obdachlosenlied eines über einen Zwerg gespielt wird. Immer noch erschüttert von dem ersten Text, verursacht mir dieses Lied Magendrücken und Herzklopfen. Der kleine Mensch, wie er sich fürchtet vor seinem grössten Feind. Das ist ein 7 jähriger Bub, der ihn verdrischt, bis das Zwergenblut rinnt.

Ist doch nur ein Lied, versuche ich mich zu beruhigen. Aber. Ist's nicht auch in der Realität oft so, dass es einen Schwächeren braucht zur Abreaktion für den eigenen alltäglichen Frust?

Ich seh den erstaunten Blick des Mannes im Polizeiauto. Ein Lächeln, für ihn? Ich würde auch dem Zwerg eines geben. Wenigstens das.

War nur eine Musiksendung...

© rebella