Der SS-Dolch

"Mama, bitte, was ist das???" fragte ich ängstlich und hielt ihr den Dolch entgegen, auf dessem glatten Griff die tiefroten, zackigen SS-Zeichen angebracht waren. Die Klinge war voller Rostflecken, für mich sah es aus wie getrocknetes Blut.

Beinahe böse, aber jedenfalls sehr erschrocken sah sie mich an.

"Woher hast du das?"

"Ich hab's hinter dem Werkzeugkisterl gefunden. Mama, was ist das?!"

Jetzt wurde Mamas Mine wirklich böse.

"Gib das sofort wieder dorthin zurück."

"Sofort." wiederholte sie grimmig, als ich den Mund zu weiteren Fragen öffnete.

Also tat ich, wie geheissen. So war das bei uns. Es gab soviel, das nicht an- oder ausgesprochen werden durfte. Wegen Papa.

Als ich den Dolch hinter dem Kisterl versteckt hatte, ging ich wieder zu Mama. Wahrscheinlich hatte ich Tränen in den Augen nach dem Motto "Angst essen Seele auf". Sie seufzte tief, sagte aber nichts. In mir liefen grausame Bilder ab, Papa mit dem Dolch hinter.... wem denn?... her.

"Da war Blut drauf", flüsterte ich mit zittriger Stimme. 12 Jahre war ich damals.

"Nein, Dummerchen, das ist kein Blut. Nur Rost. Und sag ja nichts zum Papa, sonst...., sag halt ja nichts, verstanden?"

Jetzt sah ich in ihren Augen auch eine tiefe Angst liegen, das minderte die meinige keineswegs.

In unserer Familie wurde nie und nimmer über die Zeit des Weltkrieges gesprochen. Ja schon über den Mangel an Lebensmitteln, und vielleicht erzählte Mama manchmal über Hamsterfahrten aufs Land. Noch immer weiss ich nicht, was mein Vater in den Jahren tat. Er war in einem Büro. Jung und gesund, nicht an der Front. Irgendwann fiel das Wort "Sippenamt", das wurde aber sofort wieder unter den Teppich des Unaussprechlichen gekehrt.

"Mama", setzte ich wieder an, "hast du den Papa einmal richtig lieb gehabt?"

"Ja, schon", mit einem zaghaften Lächeln, "aber...."

Und dann erzählte sie mir von ihrem Arbeitskollegen Ulrich. Der war ein unkomplizierter, menschenlieber Kerl, und er verehrte sie damals sehr. Aber er machte ihr keinen Antrag. Das tat plötzlich der Poldi, mein späterer Papa. Sie spürte damals schon, dass er reichlich kompliziert war, ein schwieriger Kerl. Er hofierte sie ernsthaft, und sie war damals sehr unglücklich, wollte nichts wie weg aus ihrem Elternhaus. Drum hat sie Ja gesagt, 1938. Mit dem Ulrich wäre es wahrscheinlich einfacher gewesen. Sie hat ihn nach Jahren wiedergetroffen, da waren sie beide unglücklich verheiratet.

"Aber ich hab mir gedacht, wenn ich den Poldi recht lieb hab, dann wird das schon gut werden."

"Hast ihn jetzt noch lieb? Und der Dolch...?"

"Der Dolch sagt gar nichts. Ich kenn mich da nicht aus, und er hat nie über diese Dinge gesprochen. Er hat nie was Böses getan, aber er wird schrecklich böse, wenn du ihn darauf ansprichst. Und ja, ich hab ihn noch lieb, manchmal. Und vielleicht hört er ja doch noch mal auf, uns allen das Leben so schwer zu machen...?"

Ach Mama, darauf hast du jahrzehntelang vergeblich gewartet...- und ich auch...

© rebella