Die fremde Schwester

Im Jahr 1948 fuhren meine beiden älteren Geschwister mit einem Kindertransport nach Portugal. "Aufpäppelzug" wurde das damals genannt. Ich selbst hatte das nicht nötig, war noch gut an der Mutterbrust versorgt.

Mein Bruder kam nach ein paar Monaten wieder zurück. In meiner Erinnerung war er nie weggewesen, ich war zu klein um sein Fortsein zu registrieren. Helmut und ich blieben einander lebenslang innig verbunden.

Mit Traudi lief das anders. Sie war in Lissabon bei sehr begüterten Pflegeeltern gelandet. Die waren kinderlos und von meiner Schwester völlig bezaubert. Es kamen sogar Anfragen, ob sie Traudi adoptieren könnten.

Nach etwa einem Jahr fuhr Mama nach Lissabon. Ich erinnere mich daran, wie sie später von dieser Reise erzählte:

"Wie ein Prinzesschen hat Traudi dort gelebt, mit ihren blonden Locken wurde sie ständig umschwärmt und verwöhnt. Aber eine Adoption..., nein, das wollten wir dann doch nicht..."

Und von der Rückfahrt im Zug:

"Ich bin gar nicht nachgekommen, auf alles aufzupassen. Vierzehn Schachteln! Alle voller Köstlichkeiten! Hatte gar nicht alles Platz im Abteil, aber ich hab alles gut nach Wien gebracht!"

Wenn sie davon sprach, kam mir das immer wie ein unlauterer Handel vor: Tochter gegen Luxusgüter. Eigentlich hatten die Pflegeeltern Traudi gekauft, sie blieb also noch ein Jahr in Portugal, ging dort auch das erste Jahr zur Schule. Und wer weiss, wenn sich die künftigen Erben von dem blonden Lockenkopf nicht so bedroht gefühlt hätten, dass sie mitsammen dagegen revoltierten, vielleicht wäre Traudi schon damals für immer dortgeblieben.

So aber wurde sie aus ihrem portugiesischen Paradies vertrieben. Und als ich drei Jahre alt war, bekam ich plötzlich eine grosse Schwester.

Diese Erinnerung ist ganz stark in mir gespeichert. Traudis Pflegeeltern, mir völlig fremde Menschen, weinend in unserem Speisezimmer. Traudi, verschreckt, im outfit einer Prinzessin.

Aber vor allem war da diese Puppe! Traudis Puppe war um einiges grösser als ich. Sie trug über wunderhübschen Kleidern auch einen taubengrauen Mantel, einen braunen Hut und... Handschuhe! Und sie konnte gehen und sprechen!

Ich erinnere mich auch noch gut an den Duft im Raum, schweres, südländisches Parfum.

Mir kam das alles unwirklich vor, es passte einfach nicht in meine kleine Welt. Mein grosser Bruder war mein sicherer Hafen. Ich glaube, ich habe seine Hand an diesem Tag nie losgelassen. So fremd war mir diese Schwester, so furchtbar fremd.

In dieser Nacht habe ich ins Bett gepinkelt. Traudi auch. Und Mama hat mit keiner von uns geschimpft.

Traudi fuhr alljährlich zu ihren Pflegeeltern, sonst lebte sie bei uns. Sie war mit uns unglücklich, wir auch mit ihr. Denn diese Fremdheit ist geblieben...

© rebella