Ente und Schlangen

Völlig unbekümmert, einfach Urlaub, wollen wir die Toskana erobern. 4 1/2 Menschen sind in meiner Ente unterwegs, die Schwägerin meines Freundes braucht ganz schön viel Platz mit ihrem 7-Monats-Bauch. Aber meine Ente schafft alles, und wir singen Dylansongs mit offenem Verdeck. Voller Zuversicht, was kümmert uns feria d'agosto, für eine Hochschwangere (samt Begleitung) wird sich im kinderfreundlichen Italien sicher ein Zimmer finden.

Das war dann doch nicht so ganz einfach, aber es war wirklich Gerlindes Bauch, der uns zu einer feinen Wohnung in Castellina verholfen hat. "Mama Lusini" nannten wir unsere Vermieterin. Sie war vernarrt in Gerlindes Bauch, weil ihre Tochter auch gerade einen solchen hatte. Die wohnte aber weiter weg, und so bekam die kleine Lisa in Gerlindes Bauch häufig Mama-Lusini-Streicheleinheiten ab. Täglich stand eine Schüssel mit frischem Obst vor unserer Tür, unsere Mama umsorgte uns sehr.

Es war sehr heiss, das Meer zu weit, also fragte wir Mama Lusini nach einem See. Voller Entsetzen schüttelte sie den Kopf und rief immer wieder ein uns unverständliches Wort, das in unseren Ohren wie "Mörder!" klang. Sie meinte aber Schlangen "pericoloso", die überall sein könnten und sagte uns den Weg zu einem Freibad. Na gut, wir zogen los, nicht sehr beflügelt vom Gedanken an ein öffentliches Freibad, da entdeckten wir abseits der Strasse einen entzückenden, kleinen, menschenleeren See. Und schon parkte die Ente mit offenem Dach unter einem Baum am Ufer.

Wir wollten zum anderen Ende des Sees, da lachte uns eine idyllische Sandbucht an. Irgendwer hatte die Idee, beim Gehen fest aufzustampfen, um Schlangen zu vertreiben, falls welche dawären. Und wie wir so stapften, hörten wir, wie ein Echo, immer wieder Platschen im Wasser. Wir waren etwa den halben See entlang gegangen, bis wir erkannten, was da platschte: Auf den Ästen über uns wimmelte es vor kleinen Schlangen, höchstens 30cm lang. Durch die Erschütterung unserer Schritte aufgeschreckt, liessen sie sich massenhaft ins Wasser fallen. Wasserschlangen, die sich in den Bäumen aufwärmten?

Gerlinde bekam einen Schreikrampf. Mich ekelte es entsetzlich bei dem Gedanken, den ganzen Weg unter den Schlangenbäumen wieder zurückgehen zu müssen, aber den mussten wir gehen. Einige Schlangen landeten doch auf unseren, nun über die Köpfe gehaltenen Taschen, aber letztlich standen wir bei unserer Ente. Die mit offenem Verdeck hier unter dem Baum auf uns gewartet hatte. Wieviele Schlangen mochten wohl da drin sein?

Gerlinde und ich erholten uns in der Wiese. Die Männer bastelten sich aus Ästen Zangen und evakuierten, was nicht in unsere Ente gehörte. Einige Baum- oder Wasserschlangen, oder Wasserbaumschlangen.

Wie froh waren wir dann, als wir das Freibad fanden! Und wie sehr hat sich Mama Lusini abends aufgeregt, als wir ihr vom Schlangensee erzählten. Ihre Hand schützend auf Gerlindes Bauch, schüttelte sie heftig den Kopf. Das hatte sie uns ersparen wollen.

© rebella