Ferien im Paradies

Für meine Eltern war liebevolle emotionale Zuwendung ein höchst rares Luxusgut. Sie selbst waren damit nicht verwöhnt worden, und so hielten sie es auch mit ihren Nachkommen. Ihre Liebe für uns, die sicher irgendwo vorhanden war, zeigte sich in kargen Berührungen, darin waren sie sich einig. Einig waren sie sich aber auch darin, möglichst sparsam zu leben, fast spartanisch, auch wenn das nicht wirklich nötig gewesen wäre. Sie wussten ihre Kinder versorgt, und sie hatten keine Kosten für sie zu tragen, wenn sie uns alle drei in den Ferien zu Pflegeeltern schickten.

Ich war nun sechs Jahre alt und wurde in einer kleinen holländischen Kleinstadt von Marijke und Piet aufgenommen. Mit einer Herzlichkeit, Wärme und überschwänglicher Freude (an mir!), die mich anfangs völlig verunsicherten. Wenn sie mich so anstrahlten und ihre Arme für mich ausbreiteten, da wollte ich mich am liebsten umdrehen, ob da jemand hinter mir stand, dem das gelten könnte.

Marijke und Piet, und ich jetzt mit ihnen, wohnten in einem einstöckigen Haus mit einem kleinen Innenhof, in dem, unter Dach, allerlei gestapelt war. Sie betrieben nämlich im Erdgeschoss einen kleinen Laden. Uralte Holzverbauten von oben bis unten. Das Unten war mein Bereich, da gab es nämlich viele Laden mit allen möglichen Zuckerlsorten. Jeden Abend vorm Schlafengehen durfte ich mir daraus zwei (Erwachsenen-) Hände voll aussuchen.

Tagsüber versuchte ich mich im Innenhof als Stelzengeherin, dabei war ich mir der liebevollen Blicke Marijkes bewusst. Hie und da gabs Applaus und Bravorufe, alles ganz neu für mich. Und dann war da auch noch Sponje, ein gutmütiger Boxer, der sich über meine Streicheleinheiten genauso zu freuen schien, wie ich über die meiner lieben Pflegeeltern. Wenn wir Besuch bekamen, oder auf Besuch gingen, wurde ich als kleines Engelchen vorgestellt, und nach einigen Tagen der anfänglichen Unsicherheit, begann ich mich in dieser liebevollen Umhüllung unsagbar wohl zu fühlen.

Und dann fand ich, an einem kühlen Regentag, vor dem Laden ein ganzes Paket an Geldscheinen. Es lag an die Hauswand geklebt plötzlich vor meinen Füssen, und ich brachte den Schatz sofort zu Marijke.

"Oh, das müssen wir zur Polizei bringen, da bekommst du Finderlohn!"

Wie stolz und glücklich war ich doch in diesen Wochen.

Bis ich eines Nachts davon aufwachte, dass ich Marijke aus dem benachbarten Schlafzimmer schreien hörte. Die beiden waren jung und verliebt, das war wohl ein Grund für ihre Lebensfreude, an der sie mich so innig teilhaben liessen.

Am Morgen getraute ich mir nicht zu sagen, dass mich die Schreie verängstigt hatten. Ich fürchtete mich davor, sie wieder zu hören. Und wunderte mich, dass Marijke fröhlich wie immer beim Frühstück sass.

Heute denk ich mir, wenn aus meinem Elternschlafzimmer manchmal nächtliche Laute gekommen wären, vielleicht wäre dann tagsüber mehr Freude bei uns daheim gewesen....?

© rebella