Frauenpower

Im höchst konservativen Kokon meiner Eltern war ich vor revolutionären 68er- Strömungen gut abgeschirmt. Als ich dann in den 70ern einen engagierten Revoluzzer heiratete, da begann auch für mich die Zeit des Umsturzes. Ich war bereit für Veränderung und hatte gute Rückendeckung. 68er-Spätzünderin.

Eine Freundin führte mich bei der AUF ein. Aktion Unabhängiger Frauen. War kein so guter Start. Da ging es nicht so sehr darum, dass Frau ihre Eigenliebe entdecken sollte, sondern fast ausschliesslich um Beschimpfungen und Lächerlichmachen alles Männlichen. Nein, das war nicht mein Weg.

Aber es begann die Johanna-Dohnal-Zeit. Kämpferisch ging es da auch zu, nur wurde der Kampf nicht so sehr gegen die Männer geführt als für Frauen. Erstmals erlebte ich ein Gruppengefühl mit Frauen, das war in einem Seminar "Selbstbewusstsein kann man lernen", geleitet von einer jungen Psychologin, die heute für die Grünen im Parlament sitzt. Völlig selbstverständlich hat sie ihr Baby mitgehabt und vor aller Augen gestillt. Das war für mich schon etwas bislang Unerhörtes, aber es war meine Richtung.

Dann fand ich in eine Hexengruppe. Staunend sass ich im Kreis der starken Frauen, und als ich mich plötzlich in der Geschichte einer Freundin wiederfand, die vor Jahrhunderten spielte, wusste ich nicht, wie mir geschehen war.

"Alles gut", hörte ich dann, als ich langsam wieder in den Gruppenraum zurückfand. "Du bist in A.'s Regression eingestiegen, aber jetzt bist du wieder da, Göttin sei Dank!"

Viele Frauenarme hielten mich fest, ich wurde behutsam getätschelt und gestreichelt, und ich verstand noch immer nicht, was da mit mir geschehen war. A. hatte von einem früheren Leben erzählt, von einem Mann, der ihr nahestand. Für mich war das Hokuspokus, unverständlich. Bis ich mit einem Mal selbst in diesem Raum war. Ich roch das Holz im Ofen, sah seine braune Kutte, sah A. dort am Boden kauern, sah einen Bottich mit Wasser stehen. Und wusste nicht, wie mir geschah...

Zwei Freundinnen liessen mich in dieser Nacht nicht allein und klärten mich auf über die Themen Wiedergeburt und Regression. Aber ich hielt dann doch mehr Abstand zu den Hexenfrauen, liess ihre Rituale nicht mehr so nah an mich heran.

Dafür ging ich zu unzähligen Frauen-Demos, Treffpunkt Westbahnhof. Abends meetings mit Frauengruppen, Konzerte, Konstantin Wecker war fast omnipräsent.

"Doch bleib nicht liegen, denn sonst gräbt sich etwas fest in deinem Hirn..."

Oder Schneewittchens Song "Der Mann das ist ein Lustobjekt...". Die LP wurde von mir fast zutode gespielt, und ich tanzte dazu mit meinen Töchtern, weil es doch so schön war, Frau zu sein!

Ja, Spätzünderin, aber ich hab (mich) gefunden. Und - Achtung, ich bin gefährlich! - ich habe viele andere Frauen mit diesem Virus infiziert...

© rebella