Freundin?

Damals war ich ihr unsäglich dankbar dafür, dass sie den Bann um mich gebrochen hat. Die ersten vier Jahre im Internat waren eine einzige Qual für mich gewesen. Auch Marianne war in dieser Zeit auf der Seite meiner Peiniger gestanden. Heute würde man es mobbing nennen, ich war ein Outlaw umringt von privlegierten high-society-kids. Und wie sie mich spüren liessen, dass ich ihren Kriterien nicht entsprach, auch Marianne.

In der Fünften konnte ich bei der Lateinnachprüfung "elephantum" nicht in die deutsche Sprache bringen, Hannibals Alpenquerung war mir ziemlich egal. Nun kam ich in eine neue Schulklasse, überraschenderweise galt ich dort fast als Star. Im Internat war ich noch mit den früheren Schulkollegen zusammen, doch das Mobbing wurde seltener. Als Marianne mir im Jahr darauf nach-flog, suchte sie meine Nähe und bald waren wir "beste Freundinnen". "Beste" hiess für mich "erste und einzige", endlich!

Aber es galten Mariannes Regeln. Sie diktierte, was ich anzuziehen hatte. Sie wollte mich schlank machen und verbot mir das Jausenbrot. Ich ging halt dann heimlich aufs Klo essen. Was auch immer wir unternahmen: sie hatte das letzte Wort. Dafür wurde ich jetzt auch von der früheren Klasse respektiert. Marianne gehörte zum elitären Kreis. Wie man sich in diesen Kreisen zu bewegen hat, das brachte sie mir auch bei, ich kam mir trotzdem immer patschert vor.

Mein Bruder verknallte sich in sie, ich spielte Kupplerin (mir blieb der Name Kuppi). Nach dem ersten Treffen wars aus, weil Helmut ein Cola mit zwei Gläsern bestellt hatte, das war in unserer sparsam lebenden Familie usus.

Dann lernte ich einmal zwei nette Typen kennen. Ob ich nicht eine Freundin mitbringen könnte? Tat ich, natürlich Marianne, sie war ja mein one and only-friend. Tja, zwei Jahre später war sie mit Hannes verheiratet.

Wir unternahmen viel mitsammen, Hannes wurde unser Trauzeuge. Ihre Ehe war bald Geschichte. Hannes meinte, in der Marianne-Diktatur könne er nicht leben. Ich verstand ihn gut, obwohl Marianne seit der Matura doch hie und da Kompromisse einging.

Ihre diktatorischen Fähigkeiten baute sie dann bei meinen Kindern aus, sie mussten genauso sein, wie Marianne es wünschte. Auch wenn sie oft eine grosszügige und herzerfrischend kluge Tante war, da legte ich mich quer. Unsere Freundschaft zerbröselte langsam.

Zwar hatten wir noch losen Kontakt, sahen uns bei den Maturatreffen. Sie besuchte mich auch einmal in meinem desolaten Häuschen im Waldviertel. Obwohl sie selbst palastähnlich wohnte, gab sie keine Kritik ab. Ich registrierte ihre neue Sanftheit und doch ertrug ich sie nicht mehr. Sie hatte mir schon zuviele Wunden geschlagen, mich lächerlich gemacht, über mich bestimmt.

Zum 50jährigen Maturatreffen konnte ich nicht gehen, weil ich an dem Tag geheiratet habe. Das nächste Treffen findet in zwei Jahren statt. Vielleicht gelingt uns nochmals eine Annäherung, Versöhnung? Mich hat das Alter nachsichtiger und weitherziger gemacht...

© rebella