Körpergrösse 100 cm

"Bravo, so ein grosses Mädchen bist du schon!"

Sichtlich stolz zeigte Mama auf den Punkt am Türrahmen. Darüber waren einige andere Markierungen von meinen grossen Geschwistern, aber ich war nun 5 Jahre und mass einen ganzen Meter.

"Wenn ich schon so gross bin, darf ich dann schon allein in den Kindergarten gehen?"

Mama besprach das mit Papa, dann kam das "Ja."

Heute wäre dieser Weg für eine Fünfjährige allein undenkbar, aber zu Beginn der 50er-Jahre war die linke Wienzeile vor unserem Haus vor allem Parkplatz für die Pferdefuhrwerke. Ein schmaler Weg führte zum Naschmarkt-Platzerl, wo die Bauern vormittags ihr Gemüse verkauften. Autoverkehr gabs so gut wie keinen.

Und so stapfte ich erstmals allein los mit meinem geflochtenen Kindergartenkörbchen. Bis zehn konnte ich schon zählen, ich wollte wissen, wieviele Schritte ich nun allein gehen durfte. Aber das haute irgendwie nicht hin, weil ich ja meine Finger brauchte, und die reichten nur bis zehn mal zehn. Zu dumm.

So widmete ich mich der Aussicht auf den Wienfluss und die Stadtbahn. Alle paar Schritte kletterte ich zum Geländer hoch, sah dem Fluss beim Fliessen zu oder winkte den Menschen in der vorbeifahrenden Stadtbahn.

Meine Mama bedauere ich rückblickend zutiefst. Wir hatten nämlich ausgemacht, dass sie mir nachsah, bis zur Pilgramgasse. Immer wieder drehte ich mich um. Da oben im letzten Stock schwenkte Mama winkend ein Tuch. Wahrscheinlich hat sie dabei oft geflucht "jetzt geh doch endlich weiter, Kind!" Ich hatte keine Eile.

Ausserhalb von Mamas Sichtfeld überquerte ich die Rechte Wienzeile und dann noch die Margaretenstrasse, bis ich im Kindergarten ankam. Noch heute erinnere ich mich an den "Putzgeruch" dort, an die schönen weissen Haare unserer Tante. Und an dieses leichte Kratzgeräusch ihres weissen, gestärkten Mantels bei ihren Bewegungen. Ich fühlte mich wohl dort und war mächtig stolz darauf, schon allein hingehen zu können!

Hie und da holte mich mein grosser Bruder ab. Wenn wir unsere Grosseltern besuchen wollten, mussten wir durch den Margaretenhof gehen. Wir hätten auch aussenherum gehen können, aber das war zu langweilig. In diesem Durchgang konnte nämlich allerlei passieren, dachten wir. Düster wars da drin und meistens menschenleer. Ich fürchtete mich, hielt mich fest an Helmuts Hand. Der selbst Angst hatte, aber grosspurig sagte:

"Musst dich nicht fürchten, denn: Kommt der Neger Tschutschu, ich hau ihn grün und blau, dass er an der Wand pickt!" Mein grosser, 13jähriger Bruder.

Und weil er so gut auf mich aufpasste, bekam er immer was ab, wenn ich von den paar Opa-Groschen am Rückweg in das tolle Zuckerlgeschäft in der Margaretenstrasse ging. Schaumbecher, Geleeschlangen, Negerbrot...

Ich war zwar schon 1 Meter gross, aber gegen den Neger Tschutschu war ich machtlos. Wie gut, dass ich einen grossen starken Bruder hatte...

© rebella