Mein Heiler

Ich hab mich nie vor dem 7er gefürchtet. Auch mit 70 kann ichs lebendig und vielfältig haben, dachte ich. Da hab ich mich ein bissi geirrt.

Kaum war ich 70 begannen die Wehwehchen. Linkes Knie, rechte Schulter, linke Hüfte. Alles gleichzeitig oder hintereinander, beidseitig oder punktgenau. Wenn ich ins Auto einstieg, musste ich den linken Fuss händisch reinheben. Während der Fahrt breitete sich der Schmerz über den Rücken aus. Und wenn ich endlich auf Erlösung im Bett hoffte, dann fand ich keine Position ohne Weh. Jedenfalls kam ich nie mehr in einen völlig schmerzfreien Zustand, und das verursachte Stress und Grant. Es wirkten weder chemische noch homäopathische Mittel, mir war oft zum Weinen und Toben.

"Ich geh zum nächsten Zauberer", seufzte ich in unserer Frauengruppe.

"Zauberer gibts hier nicht, aber einen Heiler, den Max. "

Das war eine Neuigkeit für mich, noch nie hatte ich von einem Heiler in unserem Dorf gehört. Die Frauen hielten sich auch ziemlich bedeckt. Sie hätten schon von einigen gehört, dass er geholfen hätte. Aber es war halt der Max, den sie seit seiner Kindheit kannten. Der dann Baggerfahrer geworden ist, burnout, Depression. Dann hatte jemand diese Gabe bei ihm erkannt. Naja...

Sah man ihn als Versager? Traute man ihm nicht?

Mir war das egal. Ich hatte Weh und wollte Hilfe. Zwei Wochen später hatte ich einen Termin bei ihm. Ein sympathischer junger Mann mit Pferdeschweif und einem gewinnenden Lächeln:

"Du weisst eh, dass du auch die Gabe hast...?", das war seine Begrüssung, die ich sofort abwehrte. Ich traute mir selbst nicht, das ist die denkbar schlechteste Voraussetzung für einen Heiler.

"Na gut, ich wollts dir nur sagen. Und jetzt sag mir, was du von mir brauchst."

Ich schilderte ihm meine Schmerzen, er nickte und liess mich auf einem Hocker Platz nehmen. Er stellte sich hinter mich, ich hörte ihn manchmal tief Luftholen, aber es gab keine direkte Berührung. Dann sagte er ruhig:

"Und jetzt steh auf und sag mir, wies dir geht."

Vorsichtig erhob ich mich von dem Hocker und begann mich zu bewegen, mit den Armen zu schlenkern, die Knie anzuwinkeln. Ungläubig probierte ich mehr, bis ich hüpfte und tanzte in seinem kleinen Raum. Ich war absolut schmerzfrei, erstmals nach über einem Jahr!

Ohne den Fuss händisch ins Auto heben zu müssen fuhr ich schnurstraks heim und hüpfte meinem erstaunten Lieb was vor. Mir war richtig nach Purzelbaum schlagen. Und nach Lachen und Lust und Übermut. 10 Minuten Max haben Wunder gewirkt.

Allerdings hat die Wunderwirkung mit der Zeit nachgelassen, aber es ist nie mehr so schlimm geworden, wie es war. Seither geh ich alle 2 Monate zu meinem Max, heute war ich auch bei ihm. Nachdem ich keine grossen Schmerzen mehr hab, spür ich keine solche Wirkung mehr. Aber er hilft immer, er tut mir gut, auch wenn ich nicht versteh, was er da macht.

Meine skeptischen Freundinnen staunen, was der Max bei mir bewirkt hat. Hingehn tun sie lieber nicht, trotz Weh. Vorurteile lassen halt manches nicht zu...

© rebella