Nachbargefühl

Wahrscheinlich hab ich damals, beim ersten Kennenlernen, kein bisschen bedrohlich gewirkt als ich blossfüssig durch den Schnee daherkam. Es ist schon was dran an dem ersten Eindruck. So wie andere Häuser einen Hausnamen haben, so wohnt seither in unserem Haus die Barfüssige. Ich weiss, dass es freundlich gemeint ist und nehme es als Ehrentitel.

Als ich schon ein, zwei Wochen hier wohnte, meinte eine Nachbarin einmal mit schelmischem Grinsen:

"Du die Leut' sagen, du wärst die Schwester vom Kassaböhm?"

"Aha" fragte ich zurück "und wer ist das? Üblicherweise kennt man seinen Bruder?"

Es stellte sich heraus, dass es der Leiter der örtlichen Bank war. So ist an vielen Gerüchten was dran, weil ich ja selbst mal in einer Bank gearbeitet hatte. Jedenfalls hab ich daran schon eine Art von Respekt erkannt. Sie hätten mich ja auch mit einem weniger honorablen Bruder verbandeln können. In eine neue Nachbarin kann man so allerhand hineinphantasieren.

Respekt. Trotz all unserer Andersartigkeit, ja, der war von Anfang an da. Mit der Zeit kam so ein zartes Wohlgefühl dazu, das sich im Lauf unserer 13 gemeinsamen Jahre zu etwas Wonniglichem auswuchs.

Wie schön der Tag beginnen kann, wenn mir beim ersten Rausgehen eine Nachbarin entgegenlacht. Es braucht nicht viel mehr als das. Es tut einfach sowas von gut, sich hier gut angenommen zu fühlen. Und manchmal komm ich mir richtig verwöhnt vor.

Ganz selbstverständlich gehören die eingelagerten Erdäpfel auch für uns, und die Krauthappel. Und überhaupt fast alles, das ich in meinem Hochbeet nicht angebaut habe. Manchmal bereits verarbeitet. Kistenweise fertigen Kraut- oder Rote-Rüben-Salat. Oder frisch Geselchtes. Oder einmal eine Beuschlsuppe, weil sie wissen, dass ich sowas selten, aber doch, mag.

Von uns gibts hie und da Eier. Und unsere Laufenten halten auch ihre Gegend schneckenfrei. Und Holzabfälle, Sägespäne als Einstreu, weil beim Trommelbau jede Menge Streu abfällt.

Das ist quasi unser Naturalienhandel, aber das weit Wichtigere sind die persönlichen Kontakte. Eben dieses erfreute einander Zulächeln, einander Helfen, einander Gutestun.

Dieses Gute schlägt Wellen des Wohlgefühls. Wenn ich mir vorstelle, dass ich, aus welchen Gründen auch immer, mit diesen Menschen in Unfrieden leben würde - wie sehr wäre da meine Lebensfreude getrübt!

Auch wenn ich mit ihnen keine so tiefgehenden, intimen Gespräche führe wie mit meinen Freunden, so ist es doch eine Art von Freundschaft. Jedenfalls räumlich eine sehr nahe. Und so spröde die Waldviertler auch sein mögen: nach anfänglichem Zögern nehmen sie jetzt meine Umarmungen gern an, und mir ist es ein Bedürfnis ihnen zu zeigen, was sie mir bedeuten. Wir haben einander eben liebgewonnen in all unserer Vielfalt...

© rebella