Obdachlos in Madrid

Meine Eltern schienen mir manchmal, als kämen sie von verschiendenen Planeten. Keine Chance, einander verständlich zu machen. Wenn Papa meinte, Mama sollte bei der roten Tür reingehen, nahm sie sicher die grüne. Und umgekehrt.

Wir hatten ein paar aufregende Wochen in Lissabon und Tondela verbracht. In Lissabon lebten wir im Hotel von Traudis Pflegeeltern, in Tondela hatten sie ihre Landvilla, und überall durfte ich verspieltes, achtjähriges Kind sein. Während meine Eltern mit den Pflegeeltern über eine eventuelle Adoption von Traudi diskutierten, wurde ich vom Personal verwöhnt, natürlich auch die Traudi, und ich dachte schon, dass meine Schwester hier ihr Paradies gefunden hätte. Meine Eltern hätten sie hergegeben, aber die Familie der Pflegeeltern legte sich quer, in Sorge um ihren Erbanteil.

Ich genoss diese Wochen sehr mit fremdartigem Essen, mit dem überwältigenden Anblick des wilden Atlantiks, mit spielfreudigen Dienstboten. Ausserdem fiel mir noch etwas wichtiges auf. Meine Eltern waren voller Standesdünkel. Die Pflegeeltern wurden von ihnen regelrecht hofiert, aber für das Personal zeigten sie keinen Respekt. Bei den reichen Pflegeeltern sah ich etwas anderes, das mich tief beeindruckte: sie gingen mit ihrem Personal genauso herzlich um wie mit Familie oder Freunden. Als ich Papa darauf ansprach meinte er, leicht grantig: "Es gibt aber Unterschiede zwischen Menschen, und ich halte sie ein."

Es gab ja auch Unterschiede zwischen ihm und uns.

Papas Urlaub ging zuende, so fuhren wir nach diesen schönen Wochen wieder Richtung Heimat, diesmal zu fünft im übervollen Käfer. In Portugal waren meine Eltern nicht zum Streiten gekommen, das mussten sie nun vielleicht nachholen. Jedenfalls gab es um alles Krach, ums Essen, ums Schlafen, um die Wegstrecke. Es waren ja keine Dienstboten mehr da, uns zu helfen. Wir drei Geschwister verhielten uns hinten möglichst still, um Papas Grant nicht weiter zu befeuern.

Auf Madrid hatte ich mich schon sehr gefreut, in Lissabon hatte mir Papa versprochen, dass er uns schon ein bisschen von dieser schönen Stadt zeigen wollte. Und jetzt waren wir da.

Das Auto parkte gegenüber vom hell erleuchteten Prado. Bis spät nachts flanierten fein gekleidete Menschen herum, war wohl etwas Besonderes los dort. Wir vier hatten nichts zu feiern. Papa war fort. Er hatte ein paar Geldscheine dagelassen, aber dort in der Nähe gab es keine Lebensmittelgeschäfte, und wir trauten uns nicht weg vom Auto. Mama füllte die Wasserflasche beim Brunnen und wir aßen die letzten Bananen. Die Nacht schien endlos. Drei schliefen unter dem Baum neben dem Auto, der vierte musste Wache halten. Diese Angst, Papa könnte kommen und ohne uns losfahren...

Er kam in der Früh mit Kuchen und Getränken. Und dann tat er etwas, was ich nie mehr bei ihm erlebt habe. Er bat uns um Verzeihung für diese Nacht.

"Und wer will jetzt Madrid sehen?"

Wir sahen uns an, müde, verweint.

"Nein danke."

Er war es, der nun seufzte....

© rebella