Omas Märchen

Es war nicht allzu oft, dass ich bei meiner Oma über Nacht bleiben durfte. Aber die wenigen Male, die ich in ihrem Bett schlief, sind mir ganz eindringlich in Erinnerung.

Ich kuschelte mich eng an sie. Oma war eine weiche Frau, ich versank in ihrer Fülle. Ihr schlohweisses Haar kitzelte mich immer im Gesicht, es war so herrlich widerborstig. Und dann ihr Duft. Oma war der einzige Mensch in meiner Familie, der damals duftete. Sie leistete sich den Luxus von 4711.

So richtig glücklich lag ich neben ihr.

"Oma, bitte ein Märchen..."

Und sie begann:

"Also, du weisst ja, wie arm Hänsel und Gretel waren. Ganz bitter arm. Drum machten sie sich auf den Weg, um im Wald Beeren zu klauben.... Ch... Ch... Ch..."

Schon war sie eingeschlafen, aber ich war darüber nicht böse. Denn nun malte ich mir den Weg der Geschwistern aus, mit allen Details, bis die Hexe im Ofen war. Dann seufzte ich zufrieden und stupste sie an:

"Oma, bitte weiter!"

Oma tat noch einen Schnarcher, dann erzählte sie:

"Da sass also dieser Frosch am Brunnenrand und die Prinzessin erschrak und ekelte sich...Ch..Ch...Ch...."

Jö, der Froschkönig! Der arme Frosch und die hochnäsige Prinzessin. Ich ging in Gedanken zurück an den Anfang, wie die Prinzessin im Garten Ball spielt.. bis zum erlösenden Kuss. Kicherte in mich hinein und dann stupste ich Oma wieder.

"Oma, bitte ein Märchen!"

"Also, da lebte eine Geissenmama mit ihren sieben Kindern. Ihre Wohnung war klein. Grad Tisch und Betten standen da, und im Eck noch ein Uhrkasterl.... Ch...Ch...Ch..."

Tatsächlich war es so: wenn ich sie aufforderte, weiter zu erzählen, dann kam eine Passage mitten aus einer Geschichte. Wenn ich aber sagte "bitte ein Märchen!", dann begann sie mit einer Geschichte.

Ich liebte beides. In jedem Fall wurde meine Phantasie angeregt. Ich lag glücklich in Omas Fülle und wartete auf die nächste Überraschung. Manchmal kam es vor, dass sie zweimal hintereinander mit derselben Geschichte begann, das war aber auch kein Problem. Ich wartete, bis sie wieder eingeschlafen war, und nach meinem nächsten Stupser kam bestimmt eine Neue.

Nie hab ich ihr verraten, dass sie mir Märchenpotpourris erzählt hat. Sie hätte sich sonst sicher bemüht, nicht so schnell einzuschlafen. Aber genau das war ja das Bezaubernde für mich...

© rebella