Scham

Pubertät ist Selbstfindungszeit. Diese Zeit war für mich schrecklich voll mit Scham und Unsicherheit, wirklich schrecklich. Dieses Nichtwissen, wer ich war, und dann das, was ich von mir wusste, nicht wahrhaben zu wollen.

Ich schämte mich fast permanent. Für mich, die sich selbst und anderen nicht entsprechen konnte. Weder bezauberte ich durch mein Aussehen noch durch meine Kleidung. Ich war pummelig in altmodischen, abgetragenen Kleidern. Das tat weh inmitten von hübschen Schickimickitöchtern.

Auch für meine Eltern schämte ich mich. Wie armselig sie doch wirkten unter all den goldbehängten, pelzbemäntelten Highsociety-Eltern an den Schulsprechtagen. Ich fühlte mich stigmatisert. War mir sicher, dass mich, graues Mäuschen, jeder als meinen ebenso grauen Eltern zugehörig empfand.

Während andere Eltern sich jovial lässig mit anderen unterhielten und dabei ihre diamantschweren Hände wie beiläufig vors Gesicht hielten, sass Mama wie ein Häufchen Elend auf einem Schulsessel. Die (Plastik-)Handtasche am Schoss umklammert, wie einen Rettungsanker, den Blick unsicher umherstreifend oder, falls er auf einen Gegenblick stiess, sofort errötend zu Boden gesenkt. Aber wenigstens verhielt sie sich unauffällig.

Im Gegensatz zu Papa, der allerdings äusserst selten zu den Sprechtagen ging, und das war gut so. Denn sein Gehabe war oft Anlass für mich, am liebsten im Erdboden zu versinken. Sein Äusseres ebenso mausgrau wie das seiner Frau, suchte er doch immer wieder Anschluss an die *besseren Herrschaften*. Wie ich mich dafür schämte, wenn er nach Beute Ausschau hielt! Wurde er fündig (die Auswahlkriterien blieben mir immer rätselhaft), tippte er das Objekt seiner Begierde mit einem Finger an, neigte den Kopf etwas untertänig und begann immer mit denselben Worten . "Entschuldigen der Herr..." (Er kontaktierte ausnahmslos Herren)

Irgendein Gespräch ergab sich immer während dessen er sein Gegenüber von Zeit zu Zeit vertraulich am Arm berührte, laut auflachte, penetrant zustimmend nickte und sich dann mit einer Verbeugung oder eventuellen Hutlüftung verabschiedete.

Jedesmal befürchtete ich einen Eklat, das gehörte zu meinem Schamgefühl. Aber der kam niemals. Nie empörte sich einer, dass Papa gefälligst die Finger von ihm lassen sollte. Ich wunderte mich. Papa war dann immer bestens gelaunt, er hatte wieder mal eine *Berühmtheit* kennengelernt.

Im Alltag waren meine Eltern beide völlig konträr zu diesen Situationen. Papa eigenbrötlerisch verschlossen, Mama fast schon zu zwanglos kommunikativ. Auch das war mir nicht recht, auch dafür schämte ich mich. Sie konnten es mir nicht rechtmachen.

Jetzt beim Schreiben, selbst eine alte Frau, tun sie mir unsäglich leid. Liebe ich Mama für ihre Plastikhandtasche und Papa für seine Sehnsucht, dazuzugehören. Das Alter hat schon was Gutes, es lässt mich hinter die Scham blicken. Irgendwo taucht dann die Liebe auf...

© rebella