Selbstverständlichkeit

Über sovieles habe ich früher, als eingefleischte Stadtpflanze, nicht nachgedacht. Der Strom kam aus der Steckdose. Die Heizung funktionierte, wenn die Gastherme ansprang. Und das Wasser kam aus dem Wasserhahn. So einfach war das.

Als wir dann ein uraltes Häuschen im Waldviertel mieteten, lernte ich etwas völlig anderes kennen. Wasser musste man aus dem Brunnen pumpen. Etliche Monate im Jahr blieb die Pumpe zugefroren, da wurde dann Schnee geschmolzen, um Wasser zum Abwaschen zu haben. Dazu musste erst der Ofen geheizt werden, mit selbst gesammeltem, selbstgehacktem Holz.

Strom gabs dort auch keinen, aber mit Kerzen und Petroleumlampen war es wunderbar heimelig in der grossen Stube. Der Hausname war "Fesslschneider", und ich hab mich oft gefragt, wie der Schneider Fessl dort sein Handwerk ausüben konnte. Dunkler Faden auf dunklem Stoff war bei dem Licht sehr schwer zu erkennen. Abgesehen davon, welche Wegstrecken er bei jedem waldviertler Wetter zurücklegen musste. War bestimmt ein hartes Leben für ihn. Für uns wars entzückende Partystimmung zum Wochenende, aber für einen Alltag undenkbar.

Als wir diesen Platz für uns fanden, da war dieser im Vergleich zum Fesslschneider hochmodern. Es gab Strom, und das Wasser kam aus Wasserleitungen. Holz muss mein Lieb auch hier schneiden, damit wir Warmwasser und warme Heizkörper bekommen. Das tut er manchmal sogar gern. Auf den Strom ist nicht immer Verlass. Bei Schneebruch oder Sturm sitzen wir manchmal im Dunkel, aber Kerzen hab ich immer im Haus.

Das Wasser ist doch unser kostbarstes Gut. Das weiss ich erst so richtig seit dem vorletzten, extrem heissen, trockenen Sommer. Unser Brunnen gab fast nichts mehr her. Mein Lieb schleppte mehrmals in der Woche Kanister und Fässer vom Bach nach Hause. Das war Nutzwasser für die Viecherln, fürs Klo, für den Garten. Ich ging zu Freunden duschen, die an der örtlichen Wasserleitung angeschlossen waren und stopfte auch meine Wäsche in ihre Waschmaschinen. War ganz schön aufwändig. Einzig der Geschirrspüler bezog sein Spülwasser aus dem Brunnen, und immer wieder dieses Bangen, ob das Wasser aus dem Brunnen reichte, bis der nächste Regen kam...

Ein neuer Brunnen kostet viel. Drum hat mein Lieb mit einem Freund unseren Brunnen etwas tiefer gegraben. Viel ging nicht wegen widriger Bodenverhältnisse, aber ein bissi was hat es gebracht. Auch der letzte Sommer war extrem heiss und trocken. Wir mussten zwar sehr sparsam mit unserem Wasservorrat umgehen, aber wir kamen durch.

Dieser Winter hat viel Schnee gebracht, und nach einer langen Trockenphase jetzt endlich auch wieder einiges an Regen. Das reicht wieder für eine Weile, und obwohl wir die Sonne lieben, sind wir doch für jeden Regenguss dankbar.

So hat eine Stadtpflanze wie ich gelernt, "Kleinigkeiten" wie fliessendes Wasser wertzuschätzen. Was mir früher allzu selbstverständlich war, wird mir hier zum Geschenk...

© rebella