Sündenböcke braucht das Land

"Wie war damals für dich, als du erstmals Menschen begegnet bist, die den Judenstern tragen mussten?"

Mama kniff die Lippen zusammen, machte ein abweisendes Gesicht. Aber ich wollte verstehen, ob es ihr so ähnlich ging, wie ich es mir vorstellte. Dass es da eine Scham und Betroffenheit gegeben hatte darüber, dass Menschen wegen ihrer Religionszugehörigkeit stigmatisiert und gedemütigt wurden. Ich wollte hören, dann Mama Mitleid spürte, dass sie sich wenigstens hilflos fühlte, dass sie diesen Menschen wünschte, dass dieser Alptraum auf der Stelle vorbeiwäre.

Zwar wusste ich, dass sie damals am 12. März 1938 auch unter denen war, die dem Führer zugejubelt hatten. Aber ich wünschte mir so sehr, dass sie spätestens dann, als die ersten Zwangssterne in Wien auftauchten so etwas wie Abwehr gespürt hätte.

"Mama, sag, war das nicht schrecklich für dich? Diese Erniedrigung mitanzusehen? Und dass es sogar erwünscht war, eigentlich sogar vorgeschrieben, diese Menschen zu meiden. Sie allein zu lassen in ihrer Verzweiflung? "

Mama seufzte: "Das war schon ein bisschen anders damals, das verstehst du nicht. Da war soviel Elend im Land, und dann kam endlich einer, der Hilfe versprach. Es hat so gut getan, ihm zu glauben."

"Das kann ich schon verstehen. Autobahnbau und so, der erhoffte Aufschwung. Aber warum musste deshalb auf Andersdenkende, oder Andersgläubige getreten werden? Was hatten die Juden euch angetan, dass man sie öffentlich schikanieren konnte, sollte, fast musste? Ein Grossteil der Intelligenzia war plötzlich unerwünscht. Warum sollte es dem Land besser gehen, wenn diesen Menschen ihre Existenzberechtigung abgesprochen wurde? Mit aufgenähten Sternen stigmatisiert, ausgegrenzt. Vielleicht hast du von Progromen nicht viel mitbekommen. Vielleicht auch nichts von den Deportationen. Aber Judensterne hast du gesehen, und da hättest du kein Mitleid spüren können? Kleine Kinder, wie dein Sohn damals so klein, wofür sollten die bestraft werden?"

Und nun richtete sich meine Mutter auf und sah mir gerade in die Augen:

"Die Juden waren schon so. Die hatten alles Geld. Die haben bestimmt..., die waren an vielem Schuld."

Ich war erschüttert, so war das also für sie gewesen. Judensterne. Mama sah darin eine berechtigte Strafe. Sie waren Schuld. Das Land hatte endlich die Schuldigen gefunden für alles Elend.

Heute sind es andere Menschengruppen. Der Islam, nicht das Judentum, will unsere Kultur auslöschen. Angst und Hass wird geschürt, unsere Herrenrasse ist in Gefahr. Wir brauchen keine Sterne, es reicht ein fremdartiges Aussehen, um diesen Menschen Schuld zuzuweisen und zwar pauschal.

Sündenböcke braucht das Land, so scheint es. Aber ich will nicht wegschauen. Empathie ist gefragt, damit wir ein Miteinander finden, das uns davor bewahrt, willkürliche Stigmatisierungen zu tolerieren.

© rebella