Zweierlei Zuneigung

Seit er mich in der gemeinsamen Opernloge gesehen hatte, war für ihn klar, dass wir zusammengehörten. "We fit together" nannte er es nicht ganz korrekt, aber ansonsten verstanden wir uns auf Englisch sehr gut.

Yves war ein eindrucksvoller Mann, liebenswert, klug, vermögend... und abergläubisch. Für ihn war es kismet, Fügung, unwahrscheinlichstes Zusammentreffen, dass er ausgerechnet neben mir in der Oper landete, obwohl er doch nach Dubai oder New York wollte. Es war alles ausgebucht für die Weinhachtszeit, nur Wien war noch frei, und ein Logenplatz für die Zauberflöte. Als er mich sah, wusste er, warum er hier war, meinte er. Ich nannte es einen netten Zufall, er war einfach überhaupt nicht mein Typ, aber ich gewann ihn von Tag zu Tag lieber, freundschaftlich.

Als er zurück nach Paris flog, hatte ich natürlich eine Einladung ihn zu besuchen. Wohnen in seinem Haus lehnte ich ab, er suchte mir ein entzückendes Hotel in Saint Germain und nahm für die Zeit meines Aufenthalts auch ein Zimmer dort. Einzig den Flug durfte ich, gegen seinen Widerstand, dann doch selbst buchen, alles andere übernahm er. "Liebend gern", wie er es nannte, weil er mich doch liebte und ich meine Liebe zu ihm sicher endlich finden würde.

Er zeigte mir den Eiffelturm, Montmatre, die Mona Lisa.... Wenn er nicht in seine Firma musste, gingen wir an der Seine spazieren. Und immer sein Blick auf mir, ob ich sie endlich spürte, die Liebe? Ich spürte warme Freundschaft und sagte ihm das auch. Wenn ich nachts in mein Zimmer ging, - er wohnte gegenüber -, gabs ein Gutenachtbussi und ein herzliches Danke. In der Früh fand ich immer einen Brief von Yves, den er unter der Tür durchschob, immer voller Hoffnung. Aber er betonte auch jedesmal, dass auch unsere Freundschaft für ihn etwas ganz besonderes wäre. So dachte ich, vielleicht findet er zur Freundschaft. Und er, vielleicht findet sie zur Liebe.

Er führte mich in die feinsten Lokale (in einem russischen Restaurant sass J.P. Belmondo neben uns, der gewisse optische Ähnlichkeit mit Yves hatte). Nachtklub musste das Crazy Horse sein, erste Reihe mit Champagner. Vielleicht wollte er meine Erotik wecken, aber das Programm war aalglatt, es blieb bei der Freundschaft.

Das Cafe Flores wurde mein Lieblingslokal, ich wartete nur noch auf Sartres und Beauvoirs Erscheinen. Am letzten Abend wollte Yves mich von dort abholen. Ich wollte unbedingt nochmal allein ins Afrikanerviertel gehen, aber an der Tür stand verfrüht Yves und schalt mich für diese Idee. Da würden immer wieder Frauen verschwinden, die dann irgendwo im Orient als Lustsklavinnen aufwachten. Ups, da war ich aber froh, dass er mich zurückgehalten hatte!

Der Abschied am Flughafen war richtig traurig. Da stand er mit hängendem Kopf, ganz tapfer ein Freundschaftslächeln im Gesicht, mit Tränen in den Augen. Ein paar Briefe gingen noch hin und her, dann verabschiedete er sich aus unserer Freundschaft. Ich hoffe, er hat bald eine gleichwertige Liebe gefunden!

© rebella