Zwielichtig

Vielleicht lag es daran, dass ich zu dieser Zeit in einem altkatholischen Studentenheim wohnte. Spiessig, brav, langweilig. Vielleicht bin ich deshalb auf diese Kneipe so abgefahren, obwohl ich mit diesem Milieu sonst gar nichts am Hut hatte.

Ich sah ein von aussen völlig normal wirkendes Gasthaus und hatte Appetit auf eine Gulaschsuppe. Beim Eintritt musste ich mich erst an das diffuse Licht gewöhnen. Ein normales Gasthaus mit einigen nicht alltäglich aussehenden Besuchern. Ich setzte mich gleich neben den Eingang, bestellte meine Suppe und schlug den Spiegel auf. Über den Rand der Zeitung erkundete ich die Umgebung.

Ein Winkel mit Spielautomaten, die Leute dort fluchten und lachten lautstark. Ein Tisch mit Kartenspielern samt konzentriert dreinschauenden Kiebitzen. Vor der Tür zur Toilette einige Grüppchen flüsternder, zwielichtiger Gestalten. Nur Männer, einzig hinter der Bar stand eine resolut wirkende mittelalterliche Frau.

Ich wurde zurück-beäugt, aber in Ruhe gelassen. Von allen Seiten hörte ich derben, Wiener Dialekt. Es lag Streit in der Luft, Sticheleien, kleine Beschimpfungen, viel Bier, viel Schnaps, viel Rauch.

Ein Pärchen kam herein. Am respektvollen Tonfall der Begrüssung erkannte ich ihn als "Chef", der Rudi hiess. Breitbeinig stellte er sich an die Theke, hatte sofort ein Bier vor sich stehen, blickte in die Runde und sah mich. Ein Goldzahn blitze auf, als er mich verwundert anlächelte. Ich senkte meinen Blick und sah wieder in meine Zeitung. Da stand er plötzlich an meinem Tisch.

"Ja da schau her!"

Als ich nicht reagierte, zog er ab, samt dieser penetranten Duftwolke. Und dem ebenso penetranten Goldkettchen und protzigen Ringen. Seine Begleiterin himmelte ihn an, sie hiess Evelyn und war ein unspektakuläres, zierliches Persönchen. Die schickte mir plötzlich ein kleines Lächeln, und da lächelte ich zurück.

Evelyn ging mir nicht aus dem Kopf. Rudi und Evelyn schien etwas ganz stark zu verbinden, aber es hatte etwas Trauriges, Brutales. Blödsinn, sagte ich mir, du kennst sie ja gar nicht. Und nun zog es mich immer wieder in diese Kneipe. Mit der Zeit wussten sie, dass ich im Heim wohnte, es gab sehr oberflächliche Gespräche. Evelyn war öfters da, wir lächelten einander zu, mehr nicht.

Eines Tages erschrak ich bei ihrem Anblick. Ein Auge war völlig zugeschwollen, die Lippe ebenfalls. Rudi grinste stolz in die Runde. Als ich am Weg zur Toilette vorbeiging, nickte ich ihr zu. Sie kam mir wirklich nach, und ich hätte sie am liebsten in die Arme genommen.

"War er das?"

Sie verzog die geschwollenen Lippen, es sollte ein Lächeln sein.

"Ja, er sagt, dass ich das manchmal brauch. Sonst ist er eh gut zu mir. Mehr bin ich nicht wert, weisst?"

"Lauf Mädchen, lauf!" flüsterte ich fassungslos. Sie schüttelte den Kopf.

"Mir gehts sonst gut, alles okay."

Von draussen kam ein Brüllen "Evii!"

"Siehst, er braucht mich!"

Na dann. Meine Mission war beendet. Nie mehr ging ich dorthin, aber Eviii geht mir nicht aus dem Kopf...

© rebella