Entschuldigen Sie bitte die Störung.

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Entschuldigen Sie bitte die Störung. | story.one

Stell dir vor – es später Abend, eigentlich Nacht, 23h etwa, der Fernseher abgedreht nach all den Nachrichten dieser Zeit, der Covid-19Corona Krisen-Zeit mit Restriktionen, Kasernierung, Umstellungen und neuen Hilflosigkeiten.

Stell dir vor – es ist wieder die Stille zu hören, die Gute-Nacht-Rituale beginnen und es läutet, laut und vehement an der Haustüre.

Zuerst mal erschrecken – zögern – und dann mein beherzter Griff zur Sprecheanlage : „JA ?“ … meine Stimmlage ist im Feindmodus. Zu hören ist eine ausländische Männerstimme, die Worte sind mir nicht verständlich – ich rufe meinem Partner, der zur Türe eilt, ganz dringend , „Pass auf! Stell` den Fuß in die Türe“ zu, lege auf und stürze auch selbst zur spaltbreit offenen Tür.

Draussen steht ein junger Mann, etwa 30-40 Jahre, mit Bart, ganz normal – würde ich sagen – eine Frau mit Kinderwagen und zwei kleine Kinder neben sich. „Verzeihen Sie die Störung“ sagt der Mann in entschuldigendem Ton, “verzeihen Sie, wir dachten uns, dieses Auto vor ihrem Haus könnte hierher gehören – deshalb haben wir geläutet – alle 4 Scheiben sind offen.“

Noch ist alle Abwehr, Vorsicht, Gefahr in meiner Stimme : „‘Wieso wissen Sie das?“ Er sagt „wir sind vorbei gegangen und haben uns gedacht, das kann gefährlich sein“ und etwas leiser „da haben wir gedacht, das Auto kann zu diesem Haus gehören und geläutet. Verzeihen Sie.“

In mir passiert etwas. „Das war sehr aufmerksam von Ihnen! Vielen Dank! Und entschuldigen Sie, in diesen Tagen – man weiß nie…“

Der Mann, die Familie wendet sich schon zum Weitergehen, sagt noch „Sie haben Angst. Wir haben Angst. Aber wir brauchen alle keine Angst haben“ und sie winken noch, wir rufen ihnen unser herzliches Danke und gute Wünsche und gute Nacht nach.

Das größere kleine Kind dreht sich mehrmals um und winkt, wir auch.

Mein Partner und ich sehen uns an, Tränen in meinen Augen, wir umarmen uns – D a s ist auch Realität. Woher kamen sie? Wohin gehen sie spätnachts mit den Kindern?

Ich habe sie in all den Jahrzehnten, die ich hier wohne, nie gesehen. Haben gewagt anzuläuten, Ausländer, um uns zu schützen! Ich würde das nie wagen. Ich vorurteils-vermeidender, friedens- und konsensbemühter Mensch ging mit Feindbild auf sie zu – Und die Botschaft kam bei mir an :

Sie haben Angst. Wir haben Angst. Wir brauchen alle keine Angst zu haben.

So geschehen am 2. April 2020 inmitten Corona-Krise in Wien.

© ReginaKatharina 18.04.2020