Atheist Wegmayr

Im September 1909, hielt der 30-jährige Albert Einstein im Turnsaal der Volksschule Haydnstraße, die im Salzburger Andräviertel liegt, einen Vortrag über seine Relativitätstheorie. Von den Mitgliedern der „Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte“ wurde sein Vortrag danach ziemlich niedergemacht.

1955–1959 musste ich die Volksschule Haydnstraße besuchen. Ich tat das nicht freiwillig und auch nicht gern.

Weil ich 1958 in einem Aufsatz das Wort Diözöse schrieb, korrigierte mich der Lehrer und brüllte mich an: „Es heißt Diözese, du Blödist. Diözöse mit zweimal Ö ist falsch, auch wenn die Pfaffen so sagen!“ – Mein Lehrer Albert Wegmayr war ein Ungläubiger. Er ging nie in die Kirche, selbst wenn seine Schüler Erstkommunion feierten.

Ich bekam damals lauter gute Noten, ich war Ministrant, immer brav und fromm. Das war meinen Mitschülern ein Ärgernis. Mein Sitznachbar riss mir einmal in der Pause mit seinen Fingernägeln eine Warze aus, die auf meinem Handrücken saß. Ich blutete, der Sitznachbar rief: „Schaut her! Das Warzenschwein blutet wie die Sau!“ Und alle lachten.

Es war 1958, ich war damals neun und hasste die Schule, meinen atheistischen Lehrer und meine Kameraden. Ich wurde gemobbt – lange bevor sich dieses Wort bei uns eingebürgert hatte.

Eines Tages, in der zweiten Pause, fielen ein paar Mitschüler über mich her. Sie hänselten den „Oberstreber“, wie sie mich nannten, und piesakten mich. Plötzlich wurde es mir zu viel. Ich bäumte mich in meiner Verzweiflung kurz auf und gab dem Rädelsführer einen wuchtigen Kinnhaken, worauf er auf den Boden fiel und dort wie ein gefällter Baum liegen blieb.

Da polterte Lehrer Wegmayr in die Klasse. Er stank nach Zigarettenrauch. „Was ist denn da wieder los?“, brüllte er.

Die Schüler sagten, dass der Rinnerthaler einen Kameraden totgeschlagen hätte.

Wegmayr begutachtete die Leiche. „Ach was“, sagte er. „Die Rotzpipn wird schon wieder.“ Dann nahm er mich ins Gebet (obwohl „Gebet“ für ihn ein Fremdwort war).

Ich schluchzte: „Es tut mir leid, Herr Lehrer! Das wollte ich nicht. Wirklich nicht!“ Wegmayr sagte: „Hör auf! Das wird schon wieder. Scheiß’ di net an.“ Ich heulte umso lauter: „Der ist doch tot, man muss die Rettung holen oder den Pfarrer wegen der Letzten Ölung.“

Lange schluchzte ich steinerweichend, obwohl der scheinbar tote Kamerad längst wieder auf seinem Platz saß. Der Lehrer hatte ihm ein Glas Wasser ins Gesicht geschüttet, was die Auferstehung von den Toten bewirkte.

Seit diesem Ereignis war Lehrer Wegmayr mein heimlicher Freund und ich lernte, dass man nicht zimperlich sein darf in der Auswahl nützlicher Freunde. Ab diesem Moment wagte es niemand mehr, mich zu mobben oder sonstwie zu quälen. Das hat meinem Selbstwertgefühl gut getan.

Vor ein paar Tagen war ich auf dem Salzburger Kommunalfriedhof, besuchte Wegmayrs Grab und zündete eine Kerze an. Da hörte ich den Atheisten schimpfen: „Rinnerthaler, wozu soll das gut sein? – Schad’ ums Geld.“

© Reinhard Rinnerthaler