Host’ an Eiro fia mi?

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Host’ an Eiro fia mi? | story.one

Jetzt ist es mir wieder passiert, gestern, auf dem Bahnhof: Ein Betrunkener sprach mich an: „Host’ an Eiro fia mi?“ Ich tu dann meistens so, als wäre ich taub, und gehe weiter. Danach schäme ich mich. Ein Euro, was ist das schon für mich? Aber für den Sandler eine Dose Bier, die ihm sein Elend vergessen lässt. (Zum internationalen Verständnis angemerkt: In Deutschland sagt man statt Sandler Penner.) – Soll ich seine Alkoholkrankheit durch ein Almosen unterstützen? Was ändert eine Dose Bier mehr oder eine weniger an seiner Situation? Nichts.

Einmal kam ich mit einem Sandler, der vor der Franziskanerkirche bettelte, ins Gespräch. Der Mann hatte einen traurigen Blick. Er erzählte mir dann von seiner Scheidung. Er hatte eine leitende Position in einer großen Firma inne, die dann in Konkurs ging. Mit dem Alkohol ging es steil bergab. Ich holte über den Mann Erkundigungen ein und nahm zu seinem Sohn Kontakt auf. Mit Unterstützung eines freundlichen Franziskaners packten wir das Problem an – mit Erfolg. Vorerst einmal. Der Mann machte eine Entziehungskur und bekam einen Job als Hilfsarbeiter. Der Pater und ich waren so was von stolz, alles schien gut, doch nach einem halben Jahr leerte der Mann eine Flasche Schnaps in einem Zug und fiel tot um.

Wie soll man richtig reagieren auf das Elend der Welt? Nicht auf das Elend, das in Afrika oder sonstwo daheim ist, sondern das Elend, das mich in meiner Stadt da und dort anhaucht?

Es ist schon ein paar Jahre her, da kam ein Mann aus der Franziskanerkirche und quatschte mich an: „Tschuldigung ...“ Er war kein Sandler. Er hatte einen verwirrten Blick, war aber nicht alkoholisiert. Ich schätze, er war so um die 40. Schließlich flüsterte er: „Lieber Herr, es ist mir peinlich, dass ich Sie belästige, aber … wissen Sie, was ich EINMAL in meinem Leben gern machen würde?“

Ich: „Nein, keine Ahnung.“ Er zögerte und sagte dann: „Ich möchte einmal, ... in einem Hotel schlafen. Hätten S’ nicht 50 Euro für mich?“

Da staunte ich nicht schlecht. Ich betrachtete den Mann ein paar Sekunden lang, er hatte freundliche Gesichtszüge, doch irgendwas stimmte nicht an seinem Blick. Vielleicht war er aus einer Klapsmühle ausgebüxt und wollte eine Nacht in Freiheit genießen?

Ich kramte in meiner Geldtasche nach Scheinen, gab ihm 120 Euro und sagte: „Beim ersten Mal muss es was Ordentliches sein. Daran erinnert man sich schließlich ein Leben lang.“ – Der Mann begann fürchterlich zu weinen, sagte: „Gott hat mein Gebet erhört!“ und küsste mir die Hand. Ich ging dann und hoffte inbrünstig, dass ihn die Wärter der Klinik erst einfangen werden, nachdem er die Nacht im Hotel genießen konnte.

Und dann rügte ich mich selbst: Bist’ komplett narrisch? 120 Euro für einen Fremden? Einfach so. Dann aber sagte ich mir: Oft schon habe ich Verwandten oder Freunden ein teures Geschenk zu einem besonderen Anlass gemacht und dafür ein freundliches DANKE geerntet. Aber keine Handküsse und keine Tränen der Rührung.

© Reinhard Rinnerthaler