Liebe als Geburtstagsgeschenk

Wäre ich ein katholischer Geistlicher geworden, hätte ich wahrscheinlich Probleme mit dem Zölibat bekommen. Damit hätte ich mich aber in guter Gesellschaft bewegt. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich ging aus beruflichen Gründen in vielen Pfarrhöfen ein und aus. Dabei bekam ich nicht selten mit, was sich in den Gemäuern dort abspielt. Das allein wäre Stoff für ein ganzes Buch ...

Einmal in den Achtzigerjahren hatte ich einen Termin im Hausruckviertel. Der Pfarrer wollte einen Kunstführer für seine Kirche machen lassen. An der Tür des Pfarrhofs hing ein handgeschriebener Zettel: „Bin hinten im Garten.“ Gut, ich ging hinter den Pfarrhof, in den Garten. Da lag auf einem Liegestuhl zwischen Rosen- und Erbsenstauden eine Frau im knappen Bikini. Sie sonnte sich. Die Schöne stellte sich als Sekretärin vor und sagte, dass der Pfarrer nicht da wäre. Er hatte den vereinbarten Termin wahrscheinlich verschwitzt. Ich war grantig und fuhr wieder zurück nach Salzburg. Während der Fahrt dachte ich mir, den Anblick der Bikinischönheit noch vor meinem geistige Auge, dass es die Geistlichen wirklich schwer haben und permanent der Versuchung ausgesetzt sind. Ein paar Wochen später erzählte mir ein guter Freund, dass er bei einer Bergwanderung zufällig besagten Pfarrer beim wilden Schmusen mit seiner Sekretärin ertappt hatte. – Mein „Mitleid“ war also überflüssig.

Ein Kerzenvertreter, der – so wie ich – von Pfarrhof zu Pfarrhof zog, erzählte mir eine unglaubliche Geschichte: Der Vertreter hatte einen Termin ausgemacht, ging zum Pfarrhof und läutete. Es tat sich jedoch nichts. Daraufhin öffnete er die Haustür und rief: „Hallo! Ist da jemand?“ Keine Reaktion. Er ging von Zimmer zu Zimmer. Plötzlich stand er vor einem Bett, in dem eine nackte Frau lag und darauf ein ebenso nackter Mann. Es war der Pfarrer und seine Haushälterin.

Der Vertreter sagte frech lachend: „Ich komme später wieder. Viel Spaß noch!“ Er besuchte derweil andere Kunden. Stunden später ging er wieder zum Pfarrhof und läutete dort. Es öffnete ihm ein freundlicher Herr – es war der Nackte, nur war er jetzt mit einem schwarzen Anzug bekleidet. Ein silbernes Kreuz hatte er am Revers angesteckt.

Der Pfarrer bat den Vertreter in die Kanzlei. Ein Gefühl von steifer Peinlichkeit stand zwischen den beiden Männern. Als sie Platz genommen hatten, sagte der Pfarrer: „Entschuldigen Sie bitte wegen vorhin. Es ist mir peinlich, keine Frage.“ Sein speckiges Gesicht errötete. „Aber was hätte ich machen sollen? Ludmilla ... hat heute Geburtstag. Sie hat es sich gewünscht.“

© Reinhard Rinnerthaler