Kann man den Italienern trauen?

Mein Vater war im Krieg in Italien, wollte aber nicht über diese Zeit sprechen. Er sagte nur, dass er nie wissentlich einen Soldaten oder Zivilisten erschossen hätte. Wenn, dann zielte er immer auf Bäume oder irgendwas.

Ich sagte dann frech: „Jetzt weiß ich, warum Deutschland den Krieg verloren hat. Aber es war gut so, denn sonst hätten wir heute keine Meinungsfreiheit.“

Mein Vater war schweigsam und starb relativ früh mit 49; da war ich 25.

Später fand ich bei den Unterlagen des Vaters ein winziges Büchlein, in das er mit spitzem Bleistift Notizen gekritzelt hatte. Es war sein Kriegstagebuch.

Auf die Angriffe der Alliierten war der Vater nicht so wütend wie auf die Aktionen der „Banditen“, so nannte er die italienischen Partisanen, die in Italien gegen die deutsche Wehrmacht „hinterrücks“ kämpften.

Papa war als Gefreiter für die Mulis zuständig, die im unzugänglichen Gelände das Kriegsmaterial tragen mussten. Dafür nannte ihn sein Vater (der es im Ersten Weltkrieg zu mehr Ranghöhe gebracht hatte) „Mulitreiber“, und Opa meinte, dass mein Vater keinen Mumm gehabt hätte für den Krieg. Da gab es dann oft Streit.

Mein Vater war 1944 als Soldat in Monte Cassino stationiert, dort tobte die blutigste Schlacht des Zweiten Weltkriegs. Er überlebte alles unverletzt. Warum? Weil sein Zugsführer ein „Feigling“ war und sich und seine Soldaten in Höhlen versteckte, wenn es brenzlig wurde.

Mein Vater schimpfte manchmal über die „Itaker“, die Italiener. Ich sagte dann: „Geh Papa, ich mag die Italiener und ihre Lebensweise und das Essen und die rassigen Frauen, sogar die Schnurrbärte der alten Omas finde ich lustig.“ Nein, mein Vater sagte immer: „Du bist Tourist, ich war Soldat. Ich kenne mich mehr aus als du. – Man kann den Italienern nicht trauen.“

Szenenwechsel: Als ich kürzlich in Triest weilte, sah ich auf einem Platz einen alten, weißhaarigen Musikanten; es war ein Typ wie Georges Moustaki. Ich war in Hochstimmung, denn die Stadt Triest ist mir sehr sympathisch. Und dann dieser Musiker … Er hatte eine Stereoanlage mit Hintergrundmusik laufen, dazu blies er in ein Saxophon – mit derartiger Inbrunst, dass ihm die Augäpfel hervortraten. Er spielte wie ein Gott. Als er „Can’t Help Falling in Love“ spielte, kugelten mir Tränen über die Wangen. Zwischen den Liedern machte er kurze Pausen und deutete er auf seinen Hut. Die Leute sollten ihm was reinschmeißen. Ich tat das gern und großzügig. Er bedankte sich höflich: „Tante grazie, molto gentile, Signore!“

Dann spielte er wieder, doch bevor mich der nächste Tränenausbruch überwältigen konnte, musste der Alte nießen. Dabei legte er sein Saxophon auf die Seite, um sich die Nase putzen zu können. Das Saxophon spielte aber weiter …

Am liebsten hätte ich dem Gauner meine Spende aus dem Hut genommen, doch dann dachte ich: Egal, es war schön anzuhören. So oder so.

Beim Weggehen sagte ich zu meiner Frau: „Vielleicht hatte mein Papa doch recht … Man kann den Italienern nicht trauen.“

© Reinhard Rinnerthaler